Mit einer DIS ist es leider überhaupt nicht selten, dass wir schlechte Therapie erleben. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Ts uns gegenüber versagen und fehlende Spezialisierung ist nur der häufigste. Wieder zu den Aufgaben von Therapie zurückzukehren, wird exponentiell schwieriger, wenn wir Verletzungen erlebt haben. Als wir zum ersten Mal mit Therapie begonnen haben, mussten wir unsere Ängste überwinden und Vertrauen investieren und dann wurden wir doch wieder verletzt. Eine alte Lektion aus TraumaZeit wurde wiederholt: Wir sind nicht sicher. Wir können niemandem vertrauen. Und was jetzt? Die wenigsten Menschen werden es schaffen, sich dann eigenständig zu stabilisieren mit Hilfe von Ressourcen wie diesem Blog. Die meisten werden Hilfe brauchen und das bedeutet Kontakt mit professionellen Helfenden und unsere schlechte Therapie Erfahrung wird einen Einfluss darauf haben, wie das abläuft.
Verschiedene Sorten schlechter Therapieerfahrungen
Ich glaube, dass es verschiedene Kategorien von schlechter Therapie gibt. Je nachdem wie und warum es schief gelaufen ist, brauchen wir vielleicht einen anderen Ansatz, um darüber hinweg zu kommen.
Technik hat versagt/Beziehung hat versagt
Manchmal verwenden Ts die Techniken, in denen sie geschult sind, korrekt und das funktioniert bei uns einfach nicht. Das ist nicht so selten wie man denkt. Verschiedene Studien zu EMDR zeigen eine Non-Responder Rate von 30-40%. Das ist ganz schön viel und dabei wird EMDR als effektive Behandlung bei Trauma angesehen. Das passiert und niemand ist Schuld. Manche Menschen reagieren auf Techniken einfach nicht und dann haben wir zwar Therapiezeit verbraucht, aber wir haben dabei auch etwas gelernt: Wir müssen es mit dieser Technik nicht weiter versuchen. Sehr gute TraumaTs beherrschen mehr als eine Trauma Technik, weil es eben nicht selten ist, dass etwas nicht bei allen klappt.
Ts passen manchmal auch einfach nicht zu uns. Sie sind ok, wir sind ok, aber wenn wir zusammenarbeiten sollen, ist es nicht ok. Wir verstehen uns nicht intuitiv, es gibt viel Fehlkommunikation und Missverständnisse. Die therapeutische Beziehung wird als ein besonders wichtiger Faktor für den Erfolg von Therapie anerkannt und wenn wir nicht gut zusammen passen, man spricht dann auch von Passung, dann ist es einfacher, es mit jemand anderem zu versuchen. Ich selbst arbeite lieber mit nicht so idealer Passung als mit jemandem ohne Spezialisierung für DIS. Ich fühle mich sicherer damit, wenn meine Ts wissen, was sie tun und wir uns einfach auf Fehlkommunikation einstellen. Da können die Prioritäten aber unterschiedlich sein und das ist nie eine einfache Entscheidung.
Ts haben Techniken falsch angewendet
Nicht alle Ts sind gut in dem, was sie versuchen zu tun. Manche können ihre Technik nicht korrekt anwenden, wenn die Fälle etwas komplexer sind. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, wenn wir dissoziieren oder switchen. Sie tun dann schädliche Dinge. In solchen Fällen kann es möglich sein, die gleiche Technik noch mal mit jemandem zu probieren, die uns ständig zeigen, dass sie das besser können als unsere früheren Ts.
Wenn das der Weg ist, den wir wählen, sollten unsere Ts wissen, dass wir schon missglückte Versuche hatten. Wir können zusammen erforschen, wo etwas schief gegangen ist und wie unsere neuen Ts anders reagieren würden. Sie müssen uns zeigen, dass sie es besser wissen und besser machen. Wir gehen dabei besonders langsam vor und vergleichen dabei ständig, was gerade passiert und wie es laufen sollte, um dabei den Unterschied zu unserer früheren Erfahrung zu bemerken. Eines unserer Ziele mit dieser Plattform ist es, euch zu zeigen, wie eine völlig durchschnittliche VT-lastige DIS Therapie aussehen könnte, sodass ihr etwas habt, womit ihr eure Erfahrungen vergleichen könnt.
Es kann leichter sein, die Technik zu wechseln und euch Ts zu suchen, die anders arbeiten, um Trigger der Retraumatisierung zu vermeiden. Dann würdet ihr die Technik als ‘verbrannt’ ansehen und anders neu starten. DIS Therapie ist wie Traumatherapie eigentlich eine Sache für sich und Ts nutzen jeweils die Grundlagen des Verfahrens, das sie gelernt haben, um das zu unterstützen. Man kann mit unterschiedlichen Grundlagen gute Therapie bekommen.
Fehldiagnose führt zu Fehlbehandlung
Eine Diagnose ist in sich nichts wert. Sie ist trotzdem extrem wichtig, weil sie darüber entscheidet, wie der therapeutische Ansatz aussieht. Eine Persönlichkeitsstörung behandelt man anders als eine schwere depressive Episode. Wenn wir falsch diagnostiziert werden, passt die Behandlung, die wir bekommen, nicht zu unseren Problemen. Im besten Fall passiert dann einfach gar nichts. Aber oft ist es so, dass es einen Effekt hat und wir uns in einer komplexen Situation wiederfinden, in der nichts zusammenpasst, alles dafür aber mit vollster Überzeugung getan wird, dass das die Lösung für unser Problem ist. Das hat eine Alice im Wunderland Atmosphäre, wo alles sich verdreht anfühlt, nichts zusammenpasst und keinen Sinn ergibt. Der Behandlungsplan wird dann zu systematischem Gaslighting. Wir geben dabei meist immer noch unser bestes, da mitzumachen, weil unsere Trauma-bedingten Schutzfunktionen dazu führen, dass wir alles recht machen wollen, um zu beschwichtigen. Aber diese Behandlung lässt uns nur tief verwirrt zurück. (Mehr zu Fehlinterpretationen von dissoziativen Symptomen)
Wir brauchen einen Neuanfang. Ich bin davon überzeugt, dass es in solchen Fällen am besten ist, noch mal frisch mit der Diagnostik anzusetzen und den Goldstandard (SKID-D) zu verwenden. Nicht so sehr, weil unsere neuen Ts selbst Zweifel an unserer Diagnose haben. Wir müssen zusammen zu einem Ergebnis kommen, um sicher zu sein, dass sie uns glauben und wir uns auch selbst glauben können. Der Behandlungsplan sollte offen mit uns besprochen werden und wir brauchen viel Transparenz, warum eine bestimmte Intervention jetzt mit der Sache hilft, die wir tatsächlich haben. Es braucht auch einiges an Bestätigung, dass Ts uns wirklich glauben und unser tatsächliches Problem verstehen und auch Erklärungsmodelle haben, die uns damit helfen. Jeder Schritt sollte erklärt werden, wir müssen dem zustimmen, bevor wir weiter machen und dann können wir anschließend bewerten, ob das jetzt hilfreich war oder nicht. Wir können erwarten, dass Zweifel und Verleugnung der Diagnose getriggert werden, wenn es zu Störungen in der therapeutischen Beziehung kommt. Die Fehldiagnose wird der Ort, an den wir zurückkehren, wenn wir verwirrt sind. Ts müssen vielleicht immer wieder die Ergebnisse unseres Diagnoseprozesses rausholen, um uns in der heutigen Realität zu reorientieren. Verleugnung ist bei DIS ohnehin schon ein starker defensiver Mechanismus, selbst wenn das nicht von Fehlbehandlung verstärkt wurde.
Ts waren unethisch und unprofessionell
Manche Ts sind einfach schlechte Ts und das hat gar nichts mit der Technik zu tun, die sie gelernt haben. Sie miss_be_handeln uns. Wir haben es dann vielleicht mit Grenzüberschreitungen, Formen von Missbrauch, Rollentausch, Manipulation, Nötigung, Gaslighting, Beschämung, Ausbeutung, Verletzungen der Schweigepflicht, Parteilichkeit gegen uns oder mit experimentellen oder esoterischen Ansätzen zu tun, die nicht dazu geeignet sind, uns zu helfen. Die Liste kann man beliebig weiterführen. Wenn wir es endlich schaffen, so eine Situation zu verlassen, sind wir retraumatisiert. Alte Lektionen wurden wiederholt und wir glauben automatisch, dass das unsere Schuld sein muss, weil Ts ja wissen müssen, was sie tun und deswegen Recht haben müssten. Nein, haben sie nicht. Das sind auch nur Menschen und manche sollten eigentlich gar nicht in einem Hilfeberuf arbeiten dürfen.
Eine überraschend hilfreiche Erklärung für Kindanteile kann es sein, zu behaupten, die Person sei dgar kein*e T. Ts verhalten sich auf eine bestimmte Art und Weise. Sie sind sicher, verständnisvoll, respektvoll, beschützen unsere Grenzen und helfen uns, dass es uns besser geht. Eine Person, die nichts davon gemacht hat, ist einfach kein*e T. Das ist eine super vereinfachte Art, das jüngeren Anteilen zu erklären und unser erwachsener Kopf versteht, dass das nicht stimmt. Die Person hatte irgendwelche Abschlüsse auf dem Papier. Das ist irrelevant. Jüngere Anteile brauchen vor allem eine Idee davon, wie echte Ts sind und es kann ok sein, ihnen zu sagen, dass welche, die sich so nicht verhalten, keine echten T sind. Das kann einem später viele Probleme ersparen, wenn wir versuchen, neue echte Ts zu finden, die uns richtig helfen.
Wenn wir in einem Therapie Umfeld eine Katastrophe erlebt haben, können wir uns Zeit nehmen, um uns zu stabilisieren so gut es geht und andere Unterstützung dafür nutzen als Therapie. Selbsthilfegruppen, Foren, Online Communities, Bücher, Beratung, Vereine oder Peer Begleitung. Es gibt eine ganze Menge Leute, die keine Ts sind, die das ein oder andere über Stabilisierung wissen. Wenn wir dann bereit sind, können wir versuchen, neue Ts zu suchen.
Das allererste, was ich mit meiner aktuellen T gemacht habe, ist ihr zu erzählen, wie mein Hintergrund von Fehlbehandlung verlaufen ist. Das sind wichtige Informationen. Ts müssen wissen, dass sie es nicht nur mit unserem normalen Trauma zu tun haben, sondern sie auch noch das wiedergutmachen müssen, was andere in ihrem Beruf kaputt gemacht haben. Manche Ts sind da sogar drauf spezialisiert. Es braucht langsame Schritt, Transparenz und unsere Zustimmung. Wir wollen vielleicht auch damit anfangen, an unserem Nein zu arbeiten. Wir mussten schlechte Therapie überleben, weil wir nicht früher weggehen konnten, obwohl wir vielleicht gemerkt haben, dass etwas nicht gut ist. Wir haben verzweifelt versucht, das hinzubekommen, dass es klappt, weil wir eigene Muster haben, die es Wert sind, angeschaut zu werden. Unsere erste Aufgabe in Therapie ist dann, alle kleinen Dinge zu stoppen, die sich nicht richtig anfühlen. Zu lernen, wie man das bemerkt und ausdrückt, ist ein Therapieziel in sich. Wir brauchen die Fähigkeit Nein zu sagen, damit wir irgendwann auch klar Ja zu etwas sagen können, was wir neu probieren wollen. Das gibt uns die Sicherheit, dass schlimme Dinge sich nicht wiederholen werden, und zwar nicht, weil Ts jetzt viel besser sind (was sie hoffentlich trotzdem sind), sondern weil wir es stoppen können. Selbstwirksamkeit. Wir müssen uns nicht auf Ts verlassen, dass die sich immer richtig verhalten, wie beim letzten Therapieversuch. Wir helfen uns selbst in unserem Prozess und ziehen uns raus, wenn es sich falsch anfühlt. Ich unterstütze es sehr, wenn Patient*innen etwas über Therapieverfahren lernen, weil Wissen auch Sicherheit bringt und beruhigt. Wenn wir bemerken, dass Dinge richtig gemacht werden, baut das mehr Vertrauen auf, als wenn wir irgendwie versuchen ein Gefühl von Vertrauen in Ts zu produzieren, nachdem wir schon schlechte Erfahrungen gemacht haben. Es wird dann einfach mehr Meta-Kommunikation über die Therapie geben als üblich. Wir brauchen eine Kooperation auf Augenhöhe.
Frühere Erfahrungen verstehen
Ich halte es nicht für einfach, schlechte Therapie abzuhaken und was Neues zu probieren. Das hat Spuren hinterlassen. Ich glaube, dass es manchmal hilft, zu verstehen, was falsch gelaufen ist, einfach um es zu verstehen. Wenn unsere Gedanken immer darum kreisen und es keine Auflösung gibt, bleiben wir mit der Erfahrung nur stecken. Eine Erklärung ist keine Entschuldigung. Wie bei Tätern auch, nimmt das Verstehen einer Perspektive nichts weg von dem Schaden, der entstanden ist. Was es hoffentlich tut, ist die Verantwortung wieder da hin zu verschieben, wo die hingehört. Wir tragen oft Scham oder Schuldgefühle wegen missglückter Therapie und die gehören eigentlich nicht zu uns. Unsere neuen Ts können uns dabei helfen, neue Bedeutung aus dem Erlebten zu erschließen. Es war nicht unsere Schuld, wenn frühere Ts nicht richtig ausgebildet waren. Oder sie ihre eigenen Probleme mit rein gemischt haben. Oder sie fehlinformiert waren über strukturelle Dissoziation.
Unsere neuen Ts profitieren davon, über mögliche Reinszenierungen in früherer Therapie Bescheid zu wissen. Das hilft dabei, das frühzeitig zu bemerken, falls es auch in der neuen Therapie passiert. Reinszenierungen bei DIS sind ein Nebenprodukt der strukturellen Dissoziation und nicht unsere Schuld, aber die Muster, die sich da abspielen, sind wichtig und es ist gut, wenn Ts die schon in der Gegenübertragung erkennen und nicht erst, wenn sich das Ganze im Zwischenmenschlichen entfaltet.
Weil wir in einem Therapie Setting retraumatisiert wurden, bemerken wir vielleicht Stressreaktionen, wenn wir in ein Therapie Setting rein gehen. Das ist nicht zwingend ein Zeichen, dass es da unsicher ist. Das ist erst mal ein Zeichen, dass wir getriggert wurden und eine alte Bedrohung wiedererleben. Es kann dann wichtig sein, diesen Unterschied herauszuarbeiten und uns auf Realitäts-Checks und Grounding zu konzentrieren, bevor wir neue Ts wieder fallen lassen.
Lektionen
Es ist nicht so selten, dass unser Trauma in der Therapie reinszeniert wird und solche Vorkommnisse treffen uns da, wo wir am verletzlichsten sind: an den Stellen, wo schon Trauma existiert. Unsere neuen Ts können uns helfen, zu erforschen, wie das alte Trauma mit dem Neuen in Verbindung steht. Es hilft in der Regel, sich die alten Lektionen aus TraumaZeit bewusst zu machen, die jetzt durch schlechte Therapie bestätigt oder reaktiviert wurden. Schreibt diese Lektionen auf, eine klare Aussage pro Satz. Schon alleine Klarheit darüber zu kriegen, was das mit uns gemacht hat und was uns das gelehrt hat, kann unglaublich hilfreich sein. So hat uns das verletzt. Das ist die Wunde, auf die unsere neuen Ts besonders acht geben müssen. Das wurde frisch bestätigt und braucht besondere Aufmerksamkeit. Das wird über den Therapieprozess hinweg immer wieder auftauchen und lässt sich nur Schicht um Schicht abtragen. Ts müssen sich im Klaren darüber sein, dass diese Lektionen definitiv wieder im Prozess auftauchen werden und ganz besonders dann, wenn es zu einer Störung kam oder es gerade schwierig ist. Das ist nicht damit geklärt, einmal darüber zu reden. Meiner Erfahrung nach sind diese Lektionen der wichtigste Teil davon, die Effekte von schlechter Therapie zu überwinden.
Anteile
Es gibt eine Vielzahl von Arten, wie Anteile in schlechter Therapie zu Schaden kommen können. Das beginnt damit, ignoriert und ungewollt zu sein und endet mit Versuchen von erzwungener Fusion. Es ist wichtig, mehr darüber zu lernen, wie spezifische Anteile verletzt wurden und wie sie versucht haben, sich davor zu beschützen. Diese defensiven Strategien werden uns wahrscheinlich noch öfter im neuen Therapie Setting begegnen. Manche Anteile bemerken nicht, dass wir Ts gewechselt haben und erwarten mehr Trauma. Manchmal merken Anteile schon, dass da jemand Neues sitzt, aber die erwarten nicht, dass das irgendwie anders wird. Das ist zu schwer, das bei sich selber zu machen, aber unsere Ts sollten ein Auge auf die Abwehrreaktionen haben und wie sie in der Therapie auftauchen. Sie müssen wissen, wie sie damit arbeiten können. Eine Abwehrreaktion ist oft verknüpft mit einem Bedürfnis, das ein Anteil trägt und wie es damit in der schlechten Therapiebeziehung gelaufen ist. Das Bedürfnis hinter der Abwehr zu erkennen, eröffnet in der Regel einen neuen Ansatz, um dem Anteil echte Unterstützung anzubieten. Es kann auch dazu führen, dass der Anteil sich besonders verletzlich, ausgeliefert und vorsichtig fühlt. Es ist nötig, zu untersuchen, was schlechte Therapie mit einzelnen Anteilen gemacht hat und was die Folgen davon sind. Damit müssen wir am Ende arbeiten.
TraumaTs können ihre Werkzeuge zum Prozessieren verwenden, um uns etwas Abstand zu Erinnerungen an schlechte Therapie zu verschaffen. Das nur zu verstehen und neu einzuordnen reicht nicht immer. Schlechte Therapie wird dann behandelt wie jedes andere Trauma auch. Das Ziel ist es, das zu einer Erinnerung zu machen, statt etwas, das ständig in der Therapie heute neu aktiviert wird.
Gut genug
Wir werden keine perfekten Ts bekommen. Das sind auch nur Menschen. Es wäre eine unmögliche Erwartung zu verlangen, dass sie nie Fehler machen. Fehler sollten immer noch selten sein und etwas, das uns nicht jede Stunde begegnet. Wenn Fehler passieren, achten wir darauf, wie Ts versuchen das zu reparieren. Stehen sie dazu? Erklären sie es? Bitten sie um Entschuldigung oder entschuldigen sie sich selber? Sind sie sich im klaren, was das richtige Problem ist, das uns dadurch verursacht wurde oder kleben sie an einem oberflächlichen Level von Verhalten und Regeln? Fehler zugeben zu können und einen Plan haben, wie sie in Zukunft vermieden werden können, ist mehr wert, als der Versuch immer perfekt zu sein. Es gibt sowas wie ‘gut genug’, auch wenn es nicht perfekt ist. Es gibt auch sowas wie ‘nicht gut genug’ und wenn das unsere Bewertung ist, können wir uns nach etwas gut-genugem umschauen. Wenn keine aktiven Schäden für uns entstehen, können wir erst mal dort bleiben, bis wir was besseres finden, damit wir keine Phasen haben, wo wir ohne jede Unterstützung dastehen.
Für Helfende
Versuchen Sie nicht, ihre Kolleg*innen zu beschützen, die scheiße gebaut haben. Wenn wir so verletzt sind, haben die Fehler gemacht. Keine Entschuldigungen. Keine Versuche uns zu erklären, warum das nicht böse gemeint war. Ihr Job ist es, den Schaden anzuerkennen, der entstanden ist und parteilich für uns zu sein. Die Auswirkungen von schlechter Therapie auf uns sind wichtiger als die Intention früherer Ts. Die können sonst sogar exzellent sein und bei uns haben sie es nicht gut gemacht und das ist immer noch ein Schaden, den sie zu verantworten haben. Selbst wenn Sie sehen, welche Strukturen bei uns zu Missverständnissen beigetragen haben könnten, war es immer noch der Job dieser Ts, zu helfen, statt es schlimmer zu machen. Es gibt keinen Weg, wie Sie sich mit Kolleg*innen identifizieren und sie beschützen können und gleichzeitig unser Vertrauen gewinnen. Am Ende müssen wir mit den echten Auswirkungen arbeiten, die schlechte Therapie auf uns hatte, egal wer richtig oder falsch lag. Das größte Problem kann dabei die Reaktivierung von Bindungstraumatisierung sein. Deswegen können Bindungsangebote wichtiger sein als alle anderen Interventionen. Vertrauen ist schwer zu bekommen und es reicht, eine kooperative Arbeitsbeziehung anzustreben, in der es um Ziele geht statt darum, Vertrauen aufzubauen. Es hilft, so eine Kooperation zuerst mit beschützenden Anteilen aufzubauen und sich auf das gemeinsame Ziel zu einigen, uns vor schlechter Therapie zu bewahren.
Kliniken lassen uns in der Regel keine Wahl bei den BezugsTs. Die haben ihre Abläufe und wir kriegen, wen auch immer wir kriegen und dann noch zu wechseln, ist schwierig. Wenn eine Klinik weiß, dass Patient*innen schlechte Therapieerfahrungen gemacht haben, ist es eine Investition in alle zukünftige Therapie, ihnen zu erlauben, bei schlechter Passung Ts zu wechseln. Sie sollten nicht gezwungen werden, es irgendwie passend zu machen mit jemandem, wo das nicht ehrlich geht, weil das nur die Schwierigkeit erhöht, sich überhaupt wieder auf Therapie einzulassen. Das ist einer der wichtigen Momente, wo eine Ausnahme von der Regel wichtig ist, weil sie therapeutischer ist als die Regel zu befolgen.
Die Auswirkungen von schlechter Therapie sind nicht einfach zu überwinden. Wir brauchen Mut und es braucht dafür auch wirklich gute Ts. Und dann braucht es Zeit. Einige meiner eigenen schlechten Therapieerfahrungen haben sich innerhalb von Monaten aufgelöst, schlicht weil ich bessere Hilfe erleben durfte. Andere begleiten mich seit einem Jahrzehnt und ich spüre immer noch die Stressreaktion, wenn ich daran erinnert werde. Das, was so hängen bleibt, hat meist einen Bezug zu früherem Trauma oder hat die eigene Identität besonders angegriffen. Die Verletzung sitzt dann sehr tief. Wir haben dann immer noch die Möglichkeit, neue und andere Erfahrungen zu machen, wenn wir uns trauen, neuen Ts eine Chance zu geben.
