Das Konzept, dass man Probleme hat ‚wegen dem Nervensystem‘ wird zur Zeit etwas überstrapaziert von Leuten, die vielleicht kaum wissen, wovon sie da reden. Das sollte uns nicht davon ablenken, dass chronisches Trauma tatsächlich die Gehirnstruktur verändert und das bei bestimmten Problemen wichtig ist zu wissen. Hochrisiko-Verhalten ist so ein Problem.
Unser Gehirn hat sich an die Hochstress Situationen gewöhnt. Das hatte einen Einfluss darauf, wie sich neuronale Netzwerke durch gemeinsames Feuern miteinander verknüpft haben. Wir haben uns erfolgreich an die extremen Umstände angepasst. Weil unser Gehirn so viel mit Survival Funktionen beschäftigt war, hat es oft nicht die Elemente miteinander verknüpft, die ein stabiles Gefühl von Selbst in der normalen Welt abbilden, gebaut aus normalem Feedback aus dem Umfeld. Was wir an Gefühl von Selbst haben, wurde vielleicht in die Survival Netzwerke im Gehirn eingebaut, wo das verknüpft wurde. Aus dem ein oder anderen Grund suchen wir heute risikoreiche Situationen oder Überforderung.
Warum sich das gut anfühlt
Therapeut*innen sind über die Jahre schon auf… interessante… Hypothesen gekommen, warum Menschen sich hoch-riskant verhalten. Ich würde gerne eine Perspektive beitragen, die Patient*innen nicht sinnlos verurteilt.
In einer Hochrisiko-Situation zu sein, erzeugt Kohärenz. Unsere innere Realität und die Realität unseres Gehirns passen endlich stimmig zu unserer äußeren Situation. Wir spüren die Ränder und Grenzen davon, wer wir sind und wo unser Körper ist. Das führt nicht nur zu einem Gefühl völlig lebendig zu sein, es schafft ein Gefühl davon, Dichte zu haben/stabil zu sein, real, präsent und im Körper geerdet. Es fühlt sich an, als wären wir als Person richtig angeknipst worden, sodass wir auf voller Kapazität laufen und richtig existieren. Wir fühlen uns wie wir selbst, statt taub, dissoziiert und disconnected. Das kann der einzige Zeitraum sein, in dem wir uns in Beziehungen verbunden und anderen nah fühlen. Unser Gefühl von Selbst hat einen Moment, wo es sich ganz und heil anfühlt. Das ist nicht nur ein Weg, um Dissoziation durch extreme Stimulation zu unterbrechen. Hohes Risiko ist wo unser Gehirn sich zuhause fühlt und auf eine Art funktioniert, die unser Gefühl von uns Selbst stabilisiert und unseren Verstand scharf sein lässt. In diesem Moment sind wir nicht im Krieg mit uns oder unserem Körper.
Der Kontrast zu unseren normalen Gefühlen von Taubheit, Hilflosigkeit, Scham, Disconnection und innerer Leere könnte nicht größer sein. Was, wenn wir das nicht tun, weil wir leichtsinnig und verantwortungslos sind, sondern weil es uns erlaubt, uns für einen Moment wie eine echte, lebende Person zu fühlen. Weil uns selbst zu spüren in die Survival Netzwerke im Gehirn reingemischt wurde und wir da an einem ruhigen Tag nicht rankommen. Hochrisiko-Verhalten stellt für uns einen ‘felt sense‘ her, nur eben keinen felt sense von Sicherheit. Es ist ein felt sense von Kohärenz, verursacht durch die Art wie unser Gehirn verknüpft ist.
Wie Hochrisiko-Verhalten aussehen kann:
- zu schnelles Fahren
- Drogen&Alkohol
- Promiskuität
- Glücksspiel/Wetten
- unsichere Partnerpersonen
- unkontrolliertes Shopping
- Ladendiebstahl
- Prostitution
- Selbst-Sabotage
- Streit suchen
- unbedacht gefährliche Situationen herstellen
- …
Konsequenzen
Ich bin nicht hier, um über Moral zu diskutieren. Das große Problem an diesen Verhaltensweisen ist nicht, dass sie in sich böse sind. Sie haben Konsequenzen. Eine ganze Reihe der Dinge machen süchtig und Sucht ruiniert Leben. Zumindest kostet es uns aber einen respektierten Platz in der Gesellschaft und das macht das Leben noch deutlich schwerer, als es ohnehin schon ist. Wir sind auch auf dem Weg, uns zu retraumatisieren und wer braucht wirklich mehr Trauma.
Das Ding ist, dass wir vielleicht sogar gewillt sind, den Preis zu bezahlen, wenn das bedeutet, dass wir uns weiterhin manchmal real und ganz fühlen können. Das Gefühl, wenn wir uns richtig spüren, weil wir die Wellenlänge gefunden haben, auf der unser Gehirn funktioniert, ist so zentral dafür, lebendig zu sein und lebendig sein zu wollen, dass es unmöglich ist, das einfach so aufzugeben. Wir brauchen Wege, wie wir uns kohärent fühlen können. Gesunde Menschen haben keine Ahnung, wie intensiv destruktiv es ist, immer das Gefühl zu haben, etwas ist verschoben, verzerrt oder es fehlt ganz, wenn das Erleben auf so vielen Ebenen nicht stimmig ist. Wir brauchen Kohärenz, um weitermachen zu können. Manches davon kann sich durch die Trauma Verarbeitung lösen, wenn Synthese auch auf dem Level von Neuroplastizität stattfindet. Aber das Bedürfnis nach starker Stimulation geht nicht sofort oder vollständig weg.
Gesündere Optionen
Ich glaube nicht, dass man uns daran hindern sollte, intensive Erfahrungen zu suchen. Die bessere Lösung ist, nach Optionen zu schauen, die kein so hohes Risiko haben und keinen langfristigen Schaden in unserem Leben anrichten. Idealerweise kommt dabei sogar etwas raus, was wir sogar für uns oder andere wollen. Ich fange hier eine Liste an und ihr könnt die gerne in den Kommentaren ergänzen:
- Kunst herstellen und veröffentlichen (malen, Videos, schreiben, Fotografie, Musik, Theater usw)
- auf einer Bühne performen, zB Improv-Theater oder Stand-up Comedy
- öffentliche Reden halten
- Sport wie Klettern, Fallschirmspringen usw, mit Sicherheitsvorkehrungen und dem entsprechenden Grundwissen
- Kurse belegen, wo man Tests schreiben muss
- an Wettbewerben teilnehmen
- trainieren für Parkour, Crossfit, Marathon oder andere extreme Ausdauersachen
- Kampfsport lernen und auf dem eigenen Level zu Kämpfen antreten
- wenn euer Gehirn Schmerz braucht, probiert Pilates, ehrlich
- Online Computer Spiele gegen andere spielen
- laute Konzerte
- Escape Rooms lösen
- bei Wind und Wetter draußen Abenteuer erleben
- Downhill Mountainbike fahren
- …
- …
Ich selber bin bekannt dafür, Einladungen mit Redebeiträgen in Intervallen anzunehmen, die zu meinem Rhythmus passen, wann ich hohe Stimulation brauche. Ich weiß, dass ich mich am engsten mit mir verbunden fühle, wenn ich auf einer Bühne stehe und andere Leute können das auch sehen. Das reicht für mich als stark introvertierten Menschen völlig. Wissen wir, wie wir funktionieren, können wir unser Bedürfnis nach Aufregung pacen und das sogar zu etwas Produktivem machen. Hochrisiko-Verhalten wird oft missverstanden. Es hilft, zu wissen, wie es sich anfühlt und was das mit unserem Gefühl von Kohärenz von Körper, Verstand und Identität macht. Wir versuchen nicht, alles zu ruinieren. Wir versuchen, uns ganz zu fühlen.
Für Helfende:
Wir zeigen vielleicht eine ungewöhnliche Dringlichkeit, Trauma zu prozessieren und dabei auch die härtesten Konfrontationstechniken vorzuziehen, weil wir dabei was spüren und nicht, weil es die richtige Zeit oder der richtige Ort dafür wäre. Vielleicht können wir uns mit unseren Therapeut*innen nicht verbunden fühlen ohne die Erfahrung, dass Survival Funktionen aktiviert sind. Wir versuchen vielleicht Nähe durch geteilte Extreme zu erschaffen. Im dümmsten Fall überreden wir Sie, wirklich riskante Dinge in der Therapie zu machen, die uns retraumatisieren könnten. Es ist Ihr Job, das Trauma Prozessieren zu pacen und zu bemerken, wenn es als Hochrisiko-Verhalten missbraucht wird. Man kann unsere Suche nach intensiven Erfahrungen nutzen, aber dazu braucht es die Expertise zu wissen, was passiert und wie man damit arbeiten kann.
Mehr zur Neurobiologie von Trauma, Veränderungen im Gehirn und wie man damit arbeiten kann, gibt es in ‘Sensory pathways to healing from trauma: harnessing the brain‘s capacity for change’ von Lanius et al. Das ist recht neu und nicht nur für Körpertherapeut*innen lesenswert.
