[CN: Dieser Artikel kann Erinnerungen an Retraumatisierung wecken. Manche Menschen könnten Schuld- oder Schamgefühle haben, weil sie es ‘nicht richtig’ gemacht haben. Dieser Artikel bietet nur Ideen an. Es gibt keinen wirklich richtigen Weg. Wir tun immer unser Bestes und Erfolge sind nicht garantiert, selbst wenn wir alles darüber wissen. Es war nicht eure Schuld.]
Es ist nicht selten, dass wir neuen überwältigenden Stress erleben, bevor wir das alte Trauma vollständig aufgelöst haben. Menschen, die mal Opfer von Gewalt waren, haben ein größeres Risiko, wieder Gewalt zu erleben. Vielleicht haben wir noch nicht die Fähigkeit, gefährliche Situationen zu navigieren, Täter suchen sich auch gezielt vulnerable Personen aus und unser Nervensystem ist von früherem Trauma schon verletzt und kann nicht so viel Stress verkraften zusätzlich zu dem, mit dem es ohnehin schon beschäftigt ist.
Anzeichen einer Belastungsreaktion
Wir erkennen Lebensereignisse, die zu viel waren, daran, dass wir Anzeichen einer Belastungsreaktion haben, obwohl wir vorher stabilisiert waren. Unsere Symptome steigen plötzlich an. Wir bemerken mehr:
- Albträume oder Flashbacks
- Verletzlichkeit für Trigger
- Ängstlichkeit
- negative Gedanken
- schwierige Gefühle
- Dissoziation
- Amnesien
- unvorhersehbare Switches
- ständige Wachsamkeit
- Ständige Flight/Fight/Freeze/Shutdown Reaktion
- Schlafprobleme
- kognitive Einschränkungen wie Konzentrationsschwierigkeiten
- Probleme mit maladaptivem Coping
- …
Das ist sehr unangenehm und kann sich entmutigend anfühlen. Wir haben so viel Zeit damit verbracht, diese Symptome zu reduzieren und jetzt sind sie wieder da. Unsere Bemühungen sind nicht umsonst oder kaputt. Wir haben gelernt, wie wir uns regulieren können und kommen da auch wieder hin. So eine Belastungsreaktion muss nicht bestehen bleiben. Es gibt ein Fenster für die Möglichkeit, unser Sicherheitsgefühl und die Regulation wiederzufinden und das Hochstress Ereignis nachträglich zu integrieren, sodass es nicht in Form von neuem Trauma stecken bleibt. Der Prozess ähnelt sehr dem, was Katastrophenhilfe mit Überlebenden von Unglücken machen als Prävention von PTBS. Wir behandeln uns jetzt eine Weile lang so, als hätten wir ein Erdbeben überlebt. Das braucht besondere Aufmerksamkeit, weil wir vorher schon traumatisiert waren.
Schaden stoppen
Der erste Schritt ist immer, sicherzustellen, dass der überfordernde Stress oder die Gewalt gegen uns nicht mehr passiert. Das kann bedeuten, einen schlechten Partner zu verlassen oder sich aus einer Arbeitssituation zu nehmen, die unsere Kapazität uns zu regulieren überfordert. Es braucht hier klare Entscheidungen. Es muss aufhören. Sobald es das tut, können wir richtige Pläne machen und uns um uns kümmern.
(Wenn wir es aus eigener Kraft nicht stoppen können, braucht es mehr Hilfe und wenn es die nicht gibt, fallen wir zurück auf Survival Strategien. Menschen sind nicht für ständige Überforderung der Regulationsmöglichkeiten gemacht und es gibt keine Tricks, um das trotzdem irgendwie ok zu machen. Dissoziation ist hier eine angemessene Lösung. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um irgendwas zu integrieren. Man muss da aufpassen zwischen echten Unmöglichkeiten und gefühlten Unmöglichkeiten zu unterscheiden. Nur wenige Situationen können gar nicht geändert werden.)
Optional: Beweise sichern
[In diesem Paragraph wird sexualisierte Gewalt impliziert und es könnten Erinnerungen hochkommen]
In manchen Fällen erleben wir nicht nur eine Überforderung unserer Kapazität, die Ereignisse zu verarbeiten. Uns ist etwas illegales passiert. Es ist unser Recht, das vor Gericht zu bringen. Um diese Entscheidung für unser Zukunfts-Ich zu erhalten, wollen wir vielleicht Beweise sichern lassen. Krankenhäuser bieten das kostenlos an und manche haben direkt spezialisierte Mitarbeitende dafür und bewahren das für uns auf, bis wir entschieden haben, was damit passiert. Es ist das beste, das gleich zu machen, weil es noch mal sehr schwer ist, selbst wenn wir dazusagen, dass wir schon traumatisiert sind und sie extra vorsichtig sein müssen. In jedem Fall können dort mögliche Verletzungen professionell versorgt werden. Beweissicherung erhöht den Stress. Manchmal ist es das nicht wert. Aber das wissen wir vorher nicht. Ich mag den Ansatz, immer das zu wählen, was einem mehr Wahlmöglichkeiten eröffnet statt weniger. Man muss nicht vor Gericht gehen, aber es hilft, die Wahl zu haben. Man muss auch keine Beweise sichern. Wenn einen das über den Abgrund schickt, ist es eine verständliche Entscheidung, es nicht zu tun. Man macht das auch gleich, weil es noch schwerer wird, es später zu machen. Der Schock hält das ein bisschen auf Distanz.
Sicherheit
Als nächstes schaffen wir uns einen sicheren Raum (keine Fantasie, sondern in der echten Welt). Der wird sich erst mal nicht sicher anfühlen, weil wir unser Vertrauen in eine relative Sicherheit erst wiederfinden müssen, bevor wir uns wieder relativ sicher fühlen. Wenn wir in unserer Trauma Behandlung nie an einen Punkt gekommen sind, wo wir uns ein bisschen sicherer gefühlt haben, wird das ein schwierigerer Prozess, der einige Zeit lang unser Hauptfokus sein wird. Sicherheit dient als ein Gegengewicht zu dem potenziell traumatisierendem Stress, den wir erlebt haben. Wir benutzen unsere Werkzeuge zur Orientierung, um die Dissoziation zu überwinden, die uns zu diesem Zeitpunkt davon abhält zu bemerken, dass wir nicht mehr in der schwierigen Situation sind. Wir stellen sicher, dass wir bemerken, wie sicher wir jetzt gerade sind. Nichts schlimmes passiert hier.
Wir machen unseren Raum noch sicherer, indem wir alle Stressfaktoren entfernen. Das bedeutet zB keine Arbeits-Emails zu öffnen und unseren Medienkonsum zu reduzieren. Irgendwas schlimmes passiert da draußen immer, aber wir müssen uns dessen nicht pausenlos bewusst sein und ganz sicher nicht, wenn wir versuchen, Langzeiteffekte von Stress zu verhindern.
Dann fügen wir Kontrolle und Wahlmöglichkeiten hinzu. Wir haben jetzt das Sagen, wir entscheiden, was passiert. Und wir bemerken dabei, wie es sich anfühlt, wenn wir Dinge wählen und damit Kontrolle über die Situation haben. Mögliche Hilfepersonen müssen darauf achten, dass wir so viel Kontrolle haben wie nur irgendwie möglich.
Die Säulen von Stabilität
Haben wir einen sicheren Rahmen für uns gestaltet, wenden wir und den grundlegenden Dingen zu, die wir brauchen, um Kraft und damit integrative Kapazität zu schöpfen. Unser Ziel ist es, uns in eine gute körperliche Verfassung zu bringen, sodass der Körper den Stress verarbeiten und loslassen kann. Um Kraft zu schöpfen, brauchen wir Schlaf und Essen und Trinken. Gute Hygiene gibt uns etwas Distanz von dunklen Gefühlen. Wir können Notfallmedikamente nehmen, um uns zu unterstützen, wenn es sonst zu schwierig ist, uns ohne Hilfe weiter um uns zu kümmern. Mit etwas Aufmerksamkeit beim Körper bemerken wir vielleicht Impulse uns zu bewegen. Das ist einer der natürlichen Wege, wie der Körper Stress verarbeitet. Also sollten wir ihn sich bewegen lassen. Raus zu gehen ist manchmal keine gute Idee (siehe Sicherheit) und dann bewegen wir uns eben drinnen. Es gibt eine dissoziative Tendenz, diese Basisfunktionen einfach zu vergessen und wenn wir das vergessen, werden wir uns schwächer fühlen, was unser Gefühl noch verstärkt, nicht ok zu sein. Weniger Kapazität verringert unsere Chancen, den Stress jetzt zu verarbeiten und zu integrieren. Die Erfahrung, so vom Körper abgetrennt zu sein, kann zu einen unwirklichen Gefühl führen, warum Schlafen und Essen überhaupt wichtig sein sollte, aber wir brauchen das wirklich.
Wärme
Unser nächstes wichtiges Element ist körperliche und emotionale Wärme. Das ist der Grund, warum Rettungskräfte Überlebenden eine Decke umlegen. Unser Körper hat einen Schock erlebt und wir behandeln diesen Schock jetzt professionell und das bedeutet, uns warm zu halten. Eine Decke und heißer, gesüßter Tee können zu einem überraschenden Gefühl von Erleichterung führen. Das hilft uns auch, nicht in einer Freeze Reaktion stecken zu bleiben. Andere Optionen wären zB ein heißes Bad, warmes Comfort Food oder mit einem Haustier kuscheln. Jemand anderes sollte vielleicht das Badewasser für uns prüfen, wenn unsere Körperwahrnehmung sehr niedrig ist. Manche Menschen profitieren von Umarmungen oder Kuscheln mit Bezugspersonen, aber es ist völlig ok, wenn das nicht unser aktueller Stand ist und wir lieber für uns sind.
Bei Wärme geht es auch um einen emotionalen Aspekt. Wir bekommen das von weichen Oberflächen, Plüschtieren oder ruhigen Gesprächen mit sanften Menschen. Je nachdem wo auf dem Heilungsweg wir sind, klappt Trost durch andere Menschen oder überfordert erst recht und das ist ok. Es gibt viele Arten, Wärme und warmen Kontakt zu gestalten. Ihr habt wahrscheinlich auch bewährte Tröster, die ihr verwenden könnt.
Normalität und Ressourcen
Am Anfang brauchen wir wahrscheinlich alle Energie, um zu essen, zu schlafen und am Leben zu sein. Sobald wir mehr Energie haben, können wir langsam zu unserem normalen Leben zurückkehren, während wir auch noch in unserem sicheren Raum bleiben, isoliert von mehr Stress. Wir greifen alltägliche Aufgaben mit unseren Händen wieder auf wie Geschirr spülen oder Wäsche zusammenlegen. Es muss nicht viel sein. Nur kleine Anzeichen, dass das normale Leben passiert und wir normale Dinge tun und die Welt so funktioniert, wie die es normalerweise tut. Wir folgen unseren Routinen wie immer, weil das hier wie jeder normale Tag ist und uns nichts schlimmes passiert. Diese Normalität hilft uns, unser Gefühl von relativer Sicherheit wiederzufinden.
Weil wir uns in der künstlichen Blase unserer Krisenintervention befinden, gibt es keine Regeln, was gemacht werden muss und wir können uns frei mit dem beschäftigen, was uns ein gutes Gefühl gibt. Das ist vielleicht etwas Kreatives wie Malen oder Basteln, uns in einer Fantasy Reihe versenken, ein Spiel spielen oder etwas Neues lernen. Vielleicht haben wir ein Spezialinteresse, mit dem wir uns besonders kompetent fühlen. Ressourcen und Ablenkung bewegen unsere Aufmerksamkeit und körperlichen Reaktionen weg von der Trauma Reaktion und helfen uns bei der Regulation. Sie wirken am besten, wenn wir präsent sind, während wir sie nutzen. Partnerpersonen oder Hilfspersonen können uns unterstützen, indem sie uns den nötigen Raum geben, eine echte Pause zu haben, um uns zu erholen. Das sieht vielleicht aus, als würden wir uns nur lustig beschäftigen, aber es ist in Wirklichkeit gar nicht so einfach, das überhaupt und trotz allem zu tun und der Kontakt mit so einer Normalität verbessert unsere Chancen, uns von dem Hochstress Ereignis zu erholen.
Therapie
Ts können uns mit speziellen Techniken helfen, Geschehnisse zu verarbeiten. Das SE Werkzeug zum loswerden von Trauma Energie empfinde ich dabei als besonders hilfreich und zumindest begrenzt auch Selbsthilfe-tauglich. Ich empfehle Menschen mit vorheriger Traumatisierung und Dissoziation kein TRE, auch wenn das in der Katastrophenhilfe gerne benutzt wird. Das ist für Leute wie uns zu unspezifisch und riskant. Therapie steht nicht immer zur Verfügung, weil Krisenhilfe überlastet ist. Für gewöhnlich gibt es lokale Netzwerke, die Opfer von Gewalt direkt auffangen und man wird dorthin umgeleitet, wenn man Hilfe sucht. Andere überfordernde Hochstress Situationen fallen nicht unter deren Zuständigkeit.
Zeit
Wir tun die Dinge, die hilfreich sind und zu denen wir Zugang haben, während wir uns auch möglichst von toxischem Copingverhalten fernhalten, weil uns das Kapazität kostet und dann braucht es vor allem Zeit, damit sich alles beruhigt. Unser Nervensystem braucht ein paar Tage, wo es mit dem sicheren Umfeld interagiert und kein neuer Stress dazu kommt. Es hat eine natürliche Tendenz dazu, Stress wieder loszulassen, wenn die Gefahr vorbei ist. Wir versuchen, die Erfahrung als etwas zu integrieren, das in der Vergangenheit passiert ist und jetzt nicht mehr passiert. Mehr integrative Kapazität verbessert unsere Chancen, dass es nicht als neues Trauma stecken bleibt. Unsere aktuellen Symptome flachen über die nächsten Tage und Wochen vielleicht ab. Wir haben unsere Fortschritte nicht verloren.
Vielleicht fällt euch auf, dass ich in diesem ganzen Prozess nicht über Anteile geredet habe und was man mit denen macht. In sehr vielen Fällen verschwinden die im Hochstress nach Hinten und lassen sich geraume Zeit nicht blicken. Der Rest funktioniert, wie das Co-Regulieren von Anteilen immer funktioniert. Wenn niemand auftaucht, ist das die beste Option für alle und wir müssen nicht künstlich suchen gehen. So ein Persönlichkeitssystem hat seine eigene Weisheit was Hochstress angeht und wir können diesem Prozess vertrauen.
Wenn es nicht zu Integration kommt
All unser Bemühen kann nicht ausreichen, wenn das Ereignis viel zu groß war, um es zu integrieren. Das ist normal und passiert auch guten Menschen. Wir erkennen das daran, dass unsere Symptome sich auf dem höheren Level stabilisieren oder sie verschwinden plötzlich und lassen uns völlig neutral zurück. Bei dissoziativen Menschen ist letzteres eher üblich. Wir sind es gewöhnt, Leid strukturell abzuspalten und es jenseits unseres Bewusstseins aufzubewahren. Ein Anzeichen, dass das passiert ist, ist wenn wir plötzlich eine deutliche Verbesserung wahrnehmen, unsere Entwicklungsschritte dahin aber nicht nachvollziehen können. Es gab keinen Prozess, das ist einfach verschwunden. Ohne die Erfahrung, dass sich was gelöst hat, hat es sich wahrscheinlich nicht gelöst. Wir machen scheinbar normal mit dem Leben weiter und haben das Mysterium von Dissoziation bei der Arbeit erlebt. Das verpackt Dinge für später, wenn wir besser damit umgehen können. Das muss nicht zwangsläufig als Flashback zurückkommen. Nicht alles tut das. Das ist kein Versagen. Unser Körper-Verstand System hat genau das getan, was es tun soll, wenn Dinge auf diesem Level überfordern. Wenn uns das passiert, greifen wir unser Leben wieder auf, tun alles, um sicher zu sein und behandeln uns mit Nachsicht.
Neuer, überfordernder Stress wird nicht automatisch zu einem neuen Trauma. Wenn wir langsam machen und uns Zeit nehmen, können wir manches davon vielleicht noch in den folgenden Tagen verarbeiten. Man kann es zumindest probieren. Ist so ein Hochstress Ereignis sehr ähnlich zu unserem früheren Trauma, sollten wir in jedem Fall professionelle Hilfe suchen, die uns begleitet. Das trifft anders als normale Überforderung der Kapazität.
Unmögliche Situationen managen
[CN Erklärt Survival Techniken, die euch vielleicht bekannt sind, weil ihr sie intuitiv während TraumaZeit verwendet habt.]
Traumatisierte Menschen sind manchmal in unmöglichen Situationen, die dauerhaft die persönlichen Möglichkeiten übersteigen und es gibt keinen Weg, das zu stoppen. Das ist gerade das normale Leben. Es kann objektiv nicht geändert werden. Das Ziel kann dann nicht sein, etwas zu verarbeiten oder zu integrieren. Das Ziel ist Survival. Und damit verbunden kommt auch das Ziel der kleinst-möglichen Schädigung, wenn eine Schädigung unumgänglich ist.
Es gibt ‘Tricks’, wie man unmögliche Situationen aushalten kann. Ihr müsst ganz sicher gehen, dass ihr ein einer unmöglichen Situation seid, bevor ihr sie verwendet. Manches davon ist nicht wirklich gesund und kann die Grundlage für späteres maladaptives Coping sein.
Pausen
Das basiert auf dem Konzept von Pendulation. Wann immer es möglich ist, schauen wir nach kleinen Momenten, die wir ein bisschen besser gestalten können als die Gesamtsituation. Kleine Pausen vom reinen Survival zu haben, hilft uns, nicht in Freeze/Shutdown stecken zu bleiben. Wir erhalten uns etwas Flexibilität in unseren Nervensystem, indem wir es in Bewegung halten und ihm manchmal eine Pause zum regulieren geben. Es hilft, wenn wir dafür die überfordernde Situation für einige Zeit verlassen können. Jede Pause davon, in der unser Körper etwas loslassen kann, ist hilfreich. Dabei ist es wichtig, das bewusst zu bemerken und darauf zu achten, wie sich die Pause von Trauma anfühlt.
Mikro-Ziele
Wir können uns selbst sehr kleine Ziele innerhalb der unmöglichen Situation setzen. Selbst wenn das nur bedeutet, die nächste Stunde zu schaffen oder die nächste Runde Überforderung, bis die Pause wieder kommt. Was genau Ziele sein können, hängt stark von der Situation ab. Die bringen ihre eigenen logischen Gelegenheiten für Mikro-Ziele mit sich. Das führt zu einem kleinen Gefühl von Kontrolle.
Hyperfokus
Dissoziative Menschen sind in der Regel gut darin, ihr Bewusstsein einzugrenzen. Für einen Hyperfokus konzentrieren wir uns ganz eng nur auf eine Wahrnehmung, Bewegung, Ressource oder Aktivität. Vielleicht kennt ihr auch schon Aktivitäten, die euch in so einen Zustand bringen, dass ihr nichts mehr außen rum merkt. So ein Hyperfokus führt zu einem hypnotischen Zustand, der überfordernde Reize von außen und innen ausblendet. Unsere Welt wird sehr klein und ruhig.
Geschichten erzählen
Um Distanz zur Erfahrung zu kriegen, berichten manche Menschen darüber, als wären sie die Erzählstimme einer Geschichte und sie erzählen, was jemand anderes in der Situation erlebt. Sie geben der Figur in der Szene einen Spitznamen und reden darüber, als sei es jemand anderes. Das ist eine Extrem-Version der Beobachterhaltung. An dieser Stelle wird aus ‘meinem’ Körper dann auch ‘der’ Körper in der Geschichte.
Externalisieren
Ein ähnliches Werkzeug, um Distanz von leidvollem inneren Erleben zu schaffen, ist es sich als eine Form mit einer Farbe und Textur vorzustellen und irgendwo außerhalb des Körpers zu platzieren. Vielleicht hängt es dann in der anderen Ecke des Raumes und wir kommen da nur ab und zu dran vorbei. Manche Leute personifizieren das und geben dem einen Namen, um die Interaktion einfacher zu machen, aber für unsere Zwecke stellen wir das einfach nur irgendwo ab, wo es uns nicht stört und fügen mehr hinzu, wenn neues Leid dazu kommt. Diese letzten 3 Techniken nutzen gezielt Dissoziation und das kann uns besonders leicht fallen, vielleicht aber später auch mehr Probleme bereiten, ranzukommen für die Verarbeitung, wenn es ins Extrem rutscht.
Wiederholung und Rhythmus
Es gibt eine spürbare Erleichterung in Mantras, Rhythmen klopfen, wiederholten monotonen Bewegungen oder dem wiederholen von Texten oder Lyrik. Ich empfinde es als seltsam hilfreich, den Takt von Musik mitzuzählen, wie im Tanzunterricht für die Choreographie. Das verbindet Zählen mit einem Rhythmus und Betonung. Unter dem Atem Liedtexte wiederholen ist eine gute Option. So ein Rhythmus kann uns helfen, weiterzumachen, wenn wir uns zwingen müssen, während unmöglicher Situationen eine Aktivität fertig zu kriegen.
Eskapismus
Wenn die Realität gerade nichts zum Überleben beiträgt, dürfen wir uns in Fantasien verstecken. Viele Betroffene berichten, dass das eine ihrer Hauptstrategien zu TraumaZeit war. Wir verstecken uns in Geschichten. Dissoziative Menschen erreichen meist hohe Werte in Absorption. Das ist eine Eigenschaft, die uns hilft, in inneren Bildern oder äußeren Geschichten zu verschwinden und dabei unseren Fokus so zu begrenzen, dass es Stimulation außerhalb davon ausblendet.
Widerstand
Indem wir kleine Wege finden, in der Situation Widerstand zu leisten, erhalten wir uns ein Gefühl von Rebellion und damit auch Kontrolle. Manchmal ist es möglich, den Menschen, die uns das Leben schwer machen, auch das Leben schwer zu machen. Wir tun das nie so extrem, dass es zu mehr Schaden für uns führt, aber wir können es auf kleine Weise tun und selbst nur darüber nachzudenken und es sich vorzustellen, kann helfen.
Sinn und Zukunft
Menschen finden Erleichterung darin, sich an einen Zweck jenseits der Situation zu erinnern oder wie es sein wird, wenn das alles vorbei ist. Das umfasst auch Fantasien von einem zukünftigen Leben, in dem das alles seine Bedeutung verloren hat. Andere zu beschützen oder uns um sie zu kümmern, erschafft eine Blase von Sinn innerhalb einer ansonsten leidvollen Situation.
Das sind Survival Strategien. Sie sind streng begrenzt für unmögliche Situationen, denen wir nicht entkommen können. Das sind in keiner Weise Recovery Strategien. Sie existieren, damit Menschen durchhalten, bis Hilfe kommt oder die unmögliche Situation endet. Ihr kennt die vielleicht aus TraumaZeit. Sie sind manchmal die Wurzel von Symptomen, die wir heute haben (Depersonalisierung, Derealisation, trauma-basierte zwanghafte Muster, Maladaptives Tagträumen usw) Solange wir kein Grounding anwenden können, weil des psychologisch nicht sicher ist, präsent zu sein, haben Ressourcen, wie sie in der Traumatherapie gelehrt werden, nicht den gewünschten Effekt.
Ich bin etwas zerrissen und definitiv traurig, hier überhaupt Survival Fertigkeiten mit euch zu teilen, weil das hier eigentlich eine Plattform für Recovery ist. In der echten Welt brauchen Menschen diese Fertigkeiten manchmal, weil unmögliche Situationen ihre Lebensrealität sind und die Gesellschaft sich nicht in der Verantwortung sieht, das zu ändern. Die Strategien in diesem Abschnitt entsprechen dem, was im Militär gelehrt wird, um Folter auszuhalten. Ihr solltet nicht in der Position sein, sie zu brauchen und es tut mir Leid.
Für Helfende
Während ich diesen Artikel geschrieben habe, ist mir noch mal klarer geworden, wie absurd und makaber es ist, Menschen Recovery Werkzeuge beizubringen, die gerade unmögliche Situationen überleben. Das betrifft auch das Leben unterhalb des Existenzminimums und Schikane durch den Staat. Wir sind es so gewohnt, immer unsere gleichen Werkzeuge in den Raum zu werfen. Das fordert von Betroffenen, ihre größere Lebensrealität zu verleugnen und so zu tun, als wären sie sicher. Wie taub und abgestumpft muss man sein, um aktiven Opfern zu sagen, das würde die retten. Weil noch mehr Skills irgendwie immer die Lösung sind und man weiter nicht blickt. Manche Veränderungen müssen das System betreffen, damit Chancen auf Heilung erst entstehen. Wir setzen Menschen, die gerade realen Schaden erleiden, unter einen unmöglichen Druck, wenn wir fordern, dass sie ihre Recovery direkt mitten im Geschehen beginnen, nur weil wir keine anderen Ideen oder Werkzeuge haben. Sie werden dann ‘Widerstand’ zeigen und völlig im Recht sein damit. Das sind unmögliche Forderungen.
