Unser Gehirn ist ein Geschichtenerzähler. Es nimmt ständig Informationen aus der Welt um uns herum durch die Sinne auf und fügt sie zusammen, um ein Bild von der Realität um uns zu erschaffen. Diese Bilder werden zusammengesetzt, um eine Geschichte zusammenzudichten, die wir uns selbst erzählen, um uns die Welt um uns herum zu erklären. Diese Geschichten sind unsere eigenen und individuell. Unser Gehirn vergleicht neue Information mit den alten, die wir schon haben und wenn es da Ähnlichkeiten gibt, wird das innerlich in die selbe Schublade von Bedeutung geworfen. Weil Menschen unterschiedliche Lebenserfahrungen haben, interpretieren wir die selben Informationen anders. Das bedeutet, dass auch die Geschichten, die wir uns über die Realität erzählen, sich deutlich unterscheiden können, selbst wenn wir die selben Informationen von außen wahrnehmen. Wir erleben die Welt nicht, wie sie ist. Wir erleben sie durch den Filter davon, wer wir sind und welche Geschichten wir uns erzählen.
Fehlende Informationen
Das Gehirn erfindet auch Geschichten, um Lücken in unserem Wissen zu überbrücken. Es nimmt dafür die Information, die wir haben und baut sich eine Geschichte, die auf diesen Informationen, unseren eigenen Ängsten und Wünschen, alten Erfahrungen usw zusammengesetzt ist. Es füllt die Lücken in unseren Informationen mit Informationen, die es aus unserem eigenen inneren Erleben generiert. Das kommt dann aus uns raus und nicht von außen. Das ist normal. Alle menschlichen Gehirne gehen so mit Informationslücken um, wenn man es nicht anders einübt.
Probleme
Wir können den Geschichten, die unser Gehirn zusammensetzt, nicht immer vertrauen. Es hat vielleicht wichtige Informationen übersehen. Und innere Quellen, die die Lücken füllen, mischen vielleicht unsere schlimmsten Ängste und unser Misstrauen mit rein oder unsere unterbewussten Wünsche. Sind wir traumatisiert, mischt unser Gehirn vielleicht eine Wahrnehmung von Realität zusammen, die voll Gefahr, Bedrohung, Überleben müssen, Verlust usw ist. Manchen Menschen passiert es auch, dass sie eine Traum-Realität erschaffen, die sie sich herzlich wünschen und dabei widersprüchliche Informationen übersehen. Fehlende Informationen können zu einem echten Problem werden. Erklärt uns niemand sonst, wie wir eine Situation besser verstehen können, dann kommen wir selber auf Ideen und die werden immer von der Vergangenheit beeinflusst sein und wahrscheinlich unsere schlimmsten Nöte beinhalten. Wir erschaffen Survival Geschichten und andere Leute wundern sich dann, dass wir ständig so scheinen, als würden wir um unser Überleben ringen. Eine Menge von Flight/Fight/Beschwichtigungsreaktionen in Beziehungen beruhen auf einer inneren Geschichte über eine Realität, die gerade nicht passiert. Unser Gehirn erschafft eine Geschichte, wo diese Reaktionen gebraucht werden und angemessen wären. Das hat nur möglicherweise nicht viel mit der geteilten Realität von allen anderen zu tun.
Hypoarousal
Was leicht übersehen wird, ist dass unser Gehirn manchmal auch Geschichten von Versagen, Einsamkeit, Entfremdung oder Hilflosigkeit erzählt. Wir reagieren mit einer Shutdown Reaktion und geben auf. Gibt es eine konstante innere Geschichte, die von Hoffnungslosigkeit erzählt, bleiben wir im chronischen Shutdown. Manchmal haben wir schon gelernt, einen Realitäts-Check mit Geschichten zu machen, die zu emotionalen Ausbrüchen, Panik oder Beziehungsproblemen führen, weil Realitäts-Checks eher bei impulsivem Verhalten oder Panik beigebracht werden. Hypoarousal kann auch auf einer alten Interpretation der Welt beruhen. Ein Realitäts-Check fühlt sich da manchmal noch schwerfälliger an. Es kann ein bisschen helfen, uns daran zu erinnern, dass unser Gehirn Geschichten erzählt und nicht alles davon wahr sein muss.
Andere Menschen
Manchmal haben wir nicht genug Informationen über Personen, um uns ein gutes Bild davon zu machen, wer sie sind. Wir brauchen diese Informationen objektiv auch nicht, aber wir möchten sie gerne, damit wir uns sicherer mit ihnen fühlen, weil uns die Geschichten in unserem eigenen Kopf erschrecken. Die sind wie Albträume, wo jemand sich plötzlich umdreht und böse ist, nur dass wir wach sind. Wir fühlen uns nicht in Kontrolle, wenn wir nicht an die Informationen rankommen, die wir gerne hätten, aber andere Leute haben ein Recht auf ihre Privatsphäre. In anderen Situationen lernen wir jemanden erst kennen und hatten schlicht noch nicht die Zeit, mehr Wissen über sie zu sammeln. Geben wir uns verfrühten Geschichten hin, die unser Kopf herstellt, nehmen wir uns die Chance, sie ohne Vorurteile kennenzulernen. Nur weil wir noch nicht wissen, ob sie cool sind, bedeutet das noch nicht automatisch, dass sie furchtbar sind. Sie verdienen eine Chance.
Projektionen
Und manchmal werden dissoziative Menschen Opfer der Projektionen anderer. Chronische Dissoziation zeigt sich in einem stilleren Gesicht und manchmal spürt man den Menschen ihre Gefühle nicht ab. Das erschreckt regelmäßig Leute, die da empfindlich sind, weil sie das Gefühl haben, uns nicht lesen zu können. Es fehlt Information und sie denken sich ihre eigenen Geschichten über uns aus. Mich hat mal jemand angeschrien, dass ich sie umbringen will, während ich richtig Angst hatte, weil die mich aus dem Nichts heraus anschreit. Sie hatte sich eine Geschichte darüber ausgedacht, wie gefährlich ich sein muss, basierend auf ihren früheren Gewalterfahrungen und den fehlenden Informationen über meine Gefühle oder Impulse. In Wirklichkeit wollte ich mich wegducken und verschwinden, während die Figur in ihrer Geschichte sie angreifen und umbringen wollte. Wenn Leute das machen, nennt man das Projektion. Es hilft ein bisschen, wenn man versteht, dass das passieren kann, wenn wir wenig Informationen über uns teilen oder andere ein größeres Bedürfnis nach Informationen über uns haben, als wir gewillt sind zu teilen. Dass auf einen projiziert wird, passiert einem öfter, wenn man die eigenen Gefühle etwas flach wahrnimmt und dadurch auch wenig nach außen zeigt. Bestimmte Menschen werden davon verunsichert und fangen an, Geschichten über unsere Absichten oder Gefühle zu erfinden. Das ist nicht unsere Verantwortung. Die, die projizieren, müssen ihre eigene Fantasie managen. Wir schulden ihnen keine tieferen Einblicke. Aber es ist sehr unangenehm, wenn einem das passiert und kann sich verwirrend anfühlen. Ich habe über meinem Schreibtisch einen Klebezettel auf dem steht: ‘Ist es wahr?’ Das hilft beim sortieren, wenn andere ihre erfundenen Geschichten verbreiten. Sie wissen nichts über mich. Ihre Geschichten beruhen auf einer Version von mir, die es außerhalb ihres Kopfes gar nicht gibt.
Kenne dich selbst
Wenn uns klar wird, dass unser Gehirn Geschichten produziert, um fehlende Informationen zu überbrücken, können wir zuerst üben, einfach nur zu bemerken, wenn es passiert. Etwas zu bemerken, ist das erste Zeichen, dass schon Veränderung passiert. Dann suchen wir uns neue Wege, um damit umzugehen.
Wir könnten
- andere bitten, uns mehr Informationen zu geben
- offen teilen, was für eine Geschichte sich unser Gehirn ausgedacht hat und fragen, was die Person darüber denkt. Vielleicht geben sie uns Informationen oder erklären uns, wie sie die Situation selbst wahrgenommen haben
- uns die fehlende Information woanders suchen oder eine dritte Partei fragen, die es vielleicht weiß, auch wenn das nicht so gut ist wie direkt zu fragen
- eine dritte Partei fragen, wie sie eine geteilte Situation interpretiert haben
- uns selbst gegenüber zugeben, dass wir gar nicht genug Informationen haben, um uns ein gutes Bild der Lage zu machen und planen, offen und neugierig zu bleiben
- die Grenzen anderer respektieren und uns auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Wir müssen in Wirklichkeit nicht die ganze Lebensgeschichte unserer Ts kennen, um sinnvoll mit ihnen an unseren Themen zu arbeiten und vielleicht lenken wir uns da nur vom Kern der Arbeit ab
- Die Fakten-Fühlen-Fiktion Übung machen und Fakten von Fantasie trennen. Bittet jemand anderen zu prüfen, ob ihr alle Interpretationen gefunden habt
- uns selbst fragen, welche Geschichte gerade in unserem Kopf passiert, sie mit Geschichten vergleichen, die wir schon von früher kennen und bemerken, dass diese Geschichte mehr auf der Vergangenheit beruht als auf dem aktuellen Geschehen
- lernen, welche Sorte von Geschichten uns unser Verstand besonders oft erzählt, sodass wir sie schneller erkennen können. Seid ihr mehr der Typ Gedankenlesen oder Katastrophendenken? Generalisierungen? Andere kognitive Fehler? Gibt es ein Muster von Idealisierung und Abwertung, das sich abwechselt? Nichts davon bildet die Realität ab
- in Erwägung ziehen, dass das, was wir über die andere Person denken, vielleicht etwas ist, was wir heimlich über uns selber denken
- eine neue Gewohnheit daraus machen, schon früh die harten Fakten zu sammeln und die fehlenden Informationen zu bemerken. Sich der Gefahr von Geschichten erfinden bewusst zu sein, kann helfen, das zu vermeiden.
Der innere Geschichtenerzähler
Unser Bedürfnis nach Kontrolle kann nicht immer befriedigt werden. Andere Leute haben ein Recht darauf, Informationen für sich zu behalten. Manchmal gibt die Situation nicht mehr her. Während es oft hilfreich ist, auf andere zuzugehen mit unserem Bedürfnis, die inneren Geschichten aufzulösen, können wir uns nicht alleine darauf verlassen. Wir brauchen eine Methode, um unseren inneren Geschichtenerzähler zu managen und mit ihm unser Bedürfnis nach Kontrolle über die Situation. Manchmal hilft es, die Figur eines inneren Geschichtenerzählers zu kreieren und ihn als ein Gegenüber zu personifizieren, mit dem wir interagieren können. Wir erzählen uns so etwas wie eine Meta-Geschichte über einen Geschichtenerzähler in unserem Kopf, der uns Geschichten erzählt. Dann versuchen wir neuen Sinn aus dieser neuen Geschichte zu erschließen, wo jemand in unserem Kopf ständig Geschichten erzählt, während wir durch unseren Tag gehen. Dann kann unsere erste Intervention in stressigen Situationen werden, den Geschichtenerzähler zu fragen, was für eine Geschichte der gerade erzählt. Geht es da wirklich um jemand anderen oder ist es in Wirklichkeit etwas über uns oder eine frühere Situation? Unser innerer Geschichtenerzähler kann uns vielleicht sagen, auf welcher alten Geschichte diese jetzt beruht. Wer war die ursprüngliche Person in der ursprünglichen Geschichte? Das erklärt meist sehr viel.
[Manche DIS Systeme haben solche Anteile. Sie sind in der Regel junge Beobachteranteile und es ist ihre Bewältigungsstrategie, Geschichten zu erzählen oder einen laufenden Kommentar zu Geschehnissen zu produzieren. Sie distanzieren sich von den Ängsten im Leben, indem sie sie wie eine Geschichte behandeln, über die sie die Kontrolle haben. Das sind nicht immer die Seiten von uns, die furchtbare Geschichten erzählen. Sie sind mehr wie die Sprechstimme einer Dokumentation und berichten in einem neutralen Ton über das Leben und beschreiben die inneren und äußeren Erfahrungen, die sie bemerken. Das sollte man nicht verwechseln, wenn man so einen Anteil hat.]
Es kann helfen, sich so einen inneren Geschichtenerzähler neben einer Bühne vorzustellen, wo eine Szene stattfindet. Wer übernimmt da gerade welche Rolle in den Drama? Man kann sowas auch in einer Sandkiste aufstellen. Die Szene vor uns zu sehen, kann zu neuen, kreativen Ideen führen, die Situation aufzulösen oder eine andere Geschichte daraus zu machen.
Therapeut*innen
Ts lernen hoffentlich in der Ausbildung, wie sie mit unseren Projektionen zurecht kommen. Sie sind vielleicht nicht genauso gut auf die Lücken in den Informationen vorbereitet, die wir ihnen lassen, weil wir das Vertrauen, den Mut, die Sicherheit oder schlicht das innere Konzept, etwas mit anderen zu teilen, nicht in uns finden. Wir haben vermutlich gelernt, dass etwas zu teilen nicht sicher ist und dass alles, was wir nach außen lassen, zu mehr Leid führt. Das kann Ts mit kaum etwas zurücklassen, womit sie arbeiten können. Aber da sind eben gerade unsere Grenzen. Das nicht zu respektieren, führt auch nicht zu einem besseren Gefühl von Sicherheit. Selbst Ts müssen sorgfältig aufpassen, dass sie sich keine Geschichten über uns ausdenken. Die gefährlichste Geschichte, auf die sie hereinfallen können, ist das alles ok ist, wir ok sind, es keine weiteren Probleme gibt, sonst wäre das ja sichtbar. Das ist eine gefährliche Annahme, wenn man mit einer ‘disorder of hiddenness’ arbeitet, die zutiefst drauf beruht, Probleme, Leid, aktiven Missbrauch, Bedürfnisse, Emotionen und unsere wahren Gedanken vor anderen Menschen zu verstecken. Lücken in den Informationen dürfen nicht durch eine idealisierte Geschichte gefüllt werden. Während wir als Patient*innen uns oft schreckliche Geschichten über die Realität ausdenken, neigen manche Ts zu Geschichten, in denen alles gut läuft, ohne es zu bemerken. Sie reagieren nur extrem überrascht, wenn sie erfahren, dass sie die ganze Zeit über Dinge übersehen haben, die wirklich schlimm sind. Sie sehen nur die Performance Vorne und nicht, was mit den ganzen System passiert. Selbst KörperTs lesen entspannte Muskeln manchmal fälschlich als ein Signal von sozialer Verbindung und sind überrascht, wenn wir gleichzeitig von Krise reden. In der DIS Therapie müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass der größte Teil der Person im Moment unsichtbar ist. Es braucht Kommunikation, um herauszufinden, was sonst noch los ist. Fantasien darüber, dass wir ok sind, sind nicht gut genug.
Eine andere, überraschend toxische Geschichte, die sich Ts selbst erzählen, ist dass wir genau wie alle anderen Patient*innen funktionieren, die sie behandeln. Manchmal kann es für ein System ein Fortschritt sein, Symptome zu zeigen, wo wir uns sonst immer halb umbringen beim Versuch, sie zu verstecken. Wenn die Geschichte über unser Verhalten sofort in den Modus ‘Symptome müssen reduziert werden’ schwenkt, ist das keine hilfreiche Geschichte für unseren Therapieprozess. Manchmal müssen Dinge erst mal da sein dürfen, damit sie nicht sofort zurück in die Dissoziation verschoben werden. Weil die Lebensrealität mit DIS anders aussieht, wird es eine Vielzahl von Situationen geben, wo es nicht ausreicht, nach dem äußeren Schein und den gewohnten inneren Geschichten dazu zu gehen. Das ist manchmal ein Trampelpfad im Kopf, der bei uns nicht passt, insbesondere wenn Ts sonst im Schwerpunkt Persönlichkeitsstörungen behandeln. Die einfachen Geschichten ignorieren die Interaktion von dissoziativen Anteilen leicht.
Wir alle erzählen uns in unserem Kopf Geschichten, Patient*innen wie Therapeut*innen. Und unser Gehirn wird das auch nicht zeitnah einstellen. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass das passiert und sollten unsere Version der Realität öfter gegenchecken mit dem, was andere Leute wahrnehmen. Nicht jeder Mensch hat eine starke Neigung, inneres und äußeres Erleben zu vermischen, aber es passiert Menschen mit Trauma öfter, weil das objektiv schwerer auseinanderzuhalten ist, wenn man viel alte Sachen wiedererlebt. Vergleichen wir unsere inneren Geschichten über die Realität nicht regelmäßig mit den, was andere wahrnehmen, erschaffen wir vielleicht eine Fantasiewelt, die nur noch wenig mit der Realität zu tun hat und andere werden das als nah dran an psychotisch erleben. Ts müssen den scheinbar normalen Geschichten misstrauen, die sie sich über unser Leben erzählen. ‘Scheinbar normal’ ist ein Merkmal von Dissoziation und spezifisch dem Element von Dissoziation, das als Ignoranz bezeichnet wird.
