Zu Beginn der DIS Therapie gehört es zum Standard-Vorgehen, zu versuchen, eine innere Landkarte von Anteilen zusammenzustellen. Wir versuchen herauszufinden, wer da so ist und wie diese Anteile zueinander stehen. Vielleicht erfahren wir etwas nützliches, wie die Handlungssysteme, in denen sie sich bewegen oder entwickeln Namen für Anteile, damit die Kommunikation einfacher wird. Manche Menschen beschäftigen sich im Detail mit Beschreibungen, wie sich Anteile selber vorstellen oder sie entwickeln komplexe innere Geschichten. Während uns das sicher hilft, uns miteinander bekannter zu machen, ist es vielleicht auch nicht die langfristig nützlichste Information über sie. Es kann passieren, dass man sich in Beschreibungen verliert, wenn das ohne Anleitung und einem Verständnis davon gemacht wird, was nützlich ist und was man mehr zum Spaß macht. Das bedeutet nicht, dass man nichts zum Spaß machen kann! Wir sollten uns nur darüber im Klaren sein, dass etwas, womit wir uns beschäftigen, therapeutisch vielleicht nicht so viel bringt. Sonst haben wir falsche Erwartungen daran. Jede Beschäftigung mit Anteilen statt ihre Vermeidung ist insbesondere früh im Prozess gut, wo Vermeidung das größte Problem ist, das wir zu überwinden versuchen. Irgendwann gibt es dann sowas wie eine zweite Phase von Überblick schaffen, die anders aussieht und tiefer untersucht, wie Anteile sind, statt nur oberflächlich Informationen zu sammeln.
Ich stelle euch ein paar verschiedene Elemente vor, die interessant sind für eine nähere Auseinandersetzung.
Muster von Aufmerksamkeit und Fokus
Wenn wir versuchen, mehr über das innere Erleben von Anteilen zu lernen und wie sie als komplexe Entitäten innerhalb des Systems funktionieren, hilft es, uns anzuschauen, auf welche Dinge sie aufmerksam werden und wo ihre Aufmerksamkeit länger bleibt. Alle haben Muster davon, was man bemerkt und nicht bemerkt in dem Meer aus Stimulation, das von der Außenwelt auf uns zukommt. Anteile unterscheiden sich in ihren Reaktionen auf solche Reize und manche schenken dem Aufmerksamkeit, während andere des vermeiden. (Yolanda Schlump hat interessante Forschung gemacht, die zeigt, dass das sogar passiert, wenn ein Reiz nur so kurz da ist, dass er nicht das Bewusstsein erreicht. Anteile reagieren anders mit ihrer Aufmerksamkeit.) Wenn ich durch ein Einkaufszentrum laufe, ignoriere ich vielleicht die anderen Menschen komplett und schaue mir nur die Schaufenster an, während andere Anteile Menschen genau beobachten, um Hinweise auf Gefahr wahrzunehmen. Dissoziative Anteile haben stabile Muster darin, was oder wem sie Beachtung schenken und worauf sie sich konzentrieren. Etwas, das sehr oft wahrgenommen wird, ist eine erhöhte Aufmerksamkeit, wenn man vor dem Süßigkeitenregal steht oder an einem Spielzeugladen vorbei geht. Zeichnen wir diese Muster von Aufmerksamkeit auf, bemerken wir wahrscheinlich positive und negative Trigger für Anteile. Persönliche Bedürfnisse und Fähigkeiten spielen hier auch eine Rolle. Wir bemerken Dinge, die wir brauchen oder mit denen wir was anfangen können. Nahrungsmittel ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich, wenn ein Anteil Hunger spüren kann. Ein Anteil wird mehr auf das Sonderangebot von Stricknadeln im Laden achten, wenn er auch selber stricken kann.
Muster von Bedeutung
Wie wir Realität wahrnehmen, setzt sich zusammen aus den Dingen, die wir bemerken, wie wir sie dann interpretieren und wie wir mit ihnen interagieren. Die rohe Information wird durch unsere Muster von Aufmerksamkeit gefiltert und wir erschließen dann Bedeutung aus diesen Bausteinen. Mit der Zeit werden unsere Muster davon, wie wir Bedeutung zuordnen, stabiler, wenn uns das regelmäßig begegnet. Wenn ich plötzlich kein warmes Wasser mehr im Badezimmer habe, ordne ich das erst mal dem alten Heizsystem zu, das schon wieder spinnt. Ich mache keine anderen Versuche von Erklärungen, bis diese sich als falsch erwiesen hat. Anderes Beispiel: Der Mieter unter mir hat früher jedes Wochenende merkwürdigen Lärm gemacht, der klang, als würde er Kieselsteine in der Badewanne waschen. Ich hab irgendwann beschlossen, dass der seltsam gründlich ein Aquarium reinigt. Ich weiß nicht mal, ob der Fische hat, geschweige denn wie man Aquarien wirklich reinigt. Aber dieses Muster von Be_Deutung aus der Geräuschkulisse hat sich so gefestigt, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, was das sonst gewesen sein könnte. Diese Muster, wie Anteile die Welt verstehen, wie sie Erklärungen zusammensetzen und was dann am Ende von Bedeutung für sie ist, sind Einblicke darein, wie sie Reize und ihre Interaktion mit ihnen interpretieren. Das kann wichtig werden, wenn diese Muster die Welt zu TraumaZeit abbilden und die daraus gewonnenen Erklärungen uns heute nicht mehr gut dienen. Wir verstehen die Welt dann noch so als wäre es die alte Welt von früher, was bedeutet, dass wir sie auch erleben wie früher und dabei übersehen, welche Erkenntnisse die aktuelle Welt für uns bereit hat. Weil Muster davon, wie Bedeutung gewonnen wird, in dissoziativen Anteilen relativ stabil sind, müssen wir vielleicht direkt mit ihnen arbeiten, um Anteilen zu helfen, zu neuen Erkenntnissen zu kommen durch neue Interaktionen mit der Welt heute.
Muster von Motivation
Wenn wir uns Aufmerksamkeit und Bedeutung angeschaut haben, ist es ein natürlicher nächster Schritt zu erforschen, was Anteilen wichtig ist. Was sie achten und schätzen ist eine direkte Folge davon, was sie bemerken und wie sie das interpretieren. Hier kann es richtig spannend werden. Wir verstehen Anteile tiefer, wenn wir verstehen, was sie antreibt und bewegt und warum das für sie eine Wichtigkeit hat. Zu verstehen, warum Anteile sich auf eine bestimmte Art verhalten, ist ein Schlüssel, um Verhalten zu verstehen und anzupassen und Kompromisse auszuhandeln. Es hilft auch, zu bemerken, wann Motivation in einem Überlebensmuster von früher verankert ist und es Präsentifikation braucht.
Was ist wichtig? Warum ist das wichtig? Warum sind sie persönlich da so investiert rein?
Die Antwort auf diese Fragen lässt langsam ein Bild davon entstehen, wer sie sind und wie ihr Charakter ist. Es ist oft überraschend, den Kern davon aufzuzeichnen, was ‘dunkle‘ Anteile antreibt, um zu bemerken, dass das in ihrem Erleben der Welt komplett angemessen und sinnvoll ist so. Sie sind nicht böse. Sie sind richtig investiert in Dinge, die mal ein riesen Problem waren. Wenn wir mit diesen bedeutsamen Mustern davon arbeiten, was Anteile antreibt, haben wir eine viel bessere Chance, auch komplexe Konflikte zwischen Anteilen aufzulösen und ein Leben zu verhandeln, das heute für alle Sinn ergibt. Das sind wichtige Bausteine darin, wie unser System funktioniert und sie sollen gar nicht weggehen. Das sind Teile des Puzzeln einer vollständigen Person, die ihren angemessenen Platz im großen Ganzen finden dürfen.
Muster von Willen
Diese Muster von Motivation gehen logisch in Muster von Willen über. Wenn etwas Anteilen wichtig ist und sie da rein investiert sind, dann wollen sie auch etwas in Verbindung damit. Ein Kindanteil, der Tiere mag und dem die wichtig sind, will wahrscheinlich auch eins streicheln. Ein Wunsch ist geboren. Der Wille, der Anteile antreibt, kann eine sehr hohe Kraft entwickeln. Das ist eine Energie, die so tief im Sein sitzt, dass es unmöglich ist, sie langfristig zu ignorieren und so zu tun, als wäre da nichts. Menschen mit DIS haben oft eine Neigung dazu, den Willen/Antrieb von Anteilen zu unterdrücken, weil sich das für Erwachsene nicht angemessen anfühlt. So erschaffen wir innere Machtkämpfe. Wenn Anteile etwas wollen, ist das ein fantastisches Zeichen, dass sie am Leben sind und strampeln. Gewollte Sachen sind richtig wertvoll. Es braucht Weisheit, Pacing, Anleitung, Übereinkünfte und einiges mehr, um solche Wünsche zu navigieren, weil es oft nicht so einfach ist, das direkt zu bekommen, es sei denn es sind kleine Dinge und es gibt innerlich keine Interessenskonflikte dabei. Bei größeren Themen widersprechen sich die Wünsche von Anteilen öfter und mit viel Zeit und Erfahrung lernen wir die Kunst, solche Situationen zu meistern. Wichtig: Bedürftige Anteile können auf ganz ungute Art völlig überwältigt und überfordert sein davon, wenn man ihnen einfach gibt, was sie so dringend wollen und sie mit der Erfahrung alleine lässt. Das ist zu viel. Es braucht Anleitung und Pacing. Blind Wünsche erfüllen ohne einen Plan damit zu haben, führt zu mehr Leid als es Gutes tut.
Muster von Verhalten
Vielleicht sind uns früher schon Muster von Verhalten bei Anteilen aufgefallen, weil Verhalten sich beobachten lässt, während wir die inneren Erfahrungen erst erkunden müssen. Aber Muster von Verhalten werden sehr viel mehr Sinn ergeben, sobald wir die logische Verbindung von Aufmerksamkeit, Interpretation, Bedeutung, Motivation und Willen dabei sehen. Ein Anteil reagiert aggressiv, weil ein Reiz für sie auf Gefahr hinweist und es ihnen wichtig ist, sich nie wieder machtlos zu fühlen und sie sich dieses Mal erfolgreich verteidigen wollen. Sie sind nicht einfach aggressiv. Aber wer sie sind, führt zu einem Muster von aggressivem Verhalten, wenn bestimmte Bedingungen eintreten. Manche Handlungen scheinen ihnen zugänglicher als andere und es wird Handlungen geben, die sich gerade wie völlig unmöglich anfühlen. Zu wissen, was Anteile als mögliche und unmögliche Handlungen wahrnehmen, ist ein wichtiger Schlüssel. Sie wissen vielleicht auch gar nicht, wie man mit jemandem oder etwas umgehen kann, wenn das nicht zu ihrem Set von möglichen Handlungen gehört. Das ist ein bisschen so, als würde man mit den Zinken eines Kamms herumspielen und dabei keine Ahnung haben, dass das für Haare gedacht ist. Verhalten, das für manche Anteile offensichtlich wäre, ist es für andere nicht. Neues Verhalten muss man selber erleben, damit das auf einer sensorisch-motorischen Ebene Sinn ergibt. Das ist die Ebene, wo wir Sachen als komplex-real wahrnehmen statt nur als Luftschlösser. Einmal mit dem Kamm durchs Haar fahren, erklärt viel mehr als eine verbale Anleitung.
Über die Zeit werden aus spontanen Handlungen Gewohnheiten. Gewohnheiten sind stabile Muster von Handlungen, die sich aus unseren Präferenzen entwickeln und wo wir nicht mehr über die ganze Handlung nachdenken, bevor wir sie ausführen. Die Gewohnheiten von Anteilen zu kennen, ist wichtig, weil es in der Natur von Gewohnheiten liegt, mentale Schritte im Prozess zu überspringen um schneller bei der Handlung anzukommen. Das hat als Nebeneffekt, dass Anteile vielleicht Veränderungen in der äußeren Welt nicht sofort wahrnehmen, die eine Anpassung verlangen. Sie überspringen gewohnheitsmäßig die Schritte, die eine Re-Orientierung initiieren würden. Wenn wir immer nur unseren Gewohnheiten folgen, können diese die Passung zum aktuellen Leben heute verlieren. Irgendwann merken wir vielleicht, dass sich unsere Präferenzen geändert haben, weil wir neue Informationen haben oder weil die sich mit denen von anderen Anteilen kreuzen und wir beschließen möglicherweise, unser Verhalten anzupassen und neue Gewohnheiten zu schaffen. Das ist der Schritt, an den Ts oft dringlich ran kommen wollen, aber wir können das nicht, wenn das nur an der Oberfläche passiert. Eine Veränderung von Gewohnheiten braucht oft eben doch ein tieferes Verständnis davon, wie das innere Erleben eines Anteils funktioniert und eine neue Erfahrung in der Außenwelt.
Muster im System
Wenn wir das alles zusammen nehmen, was wir über einen Anteil erforscht haben, bekommen wir ein besseres Bild davon, wer sie sind. Wir verstehen ihre Trigger und Vorhersagen für die Zukunft, warum ein bestimmter Konflikt in einem System existieren muss, das aus genau solchen Anteilen besteht und wie Ziele zusammen oder gegeneinander arbeiten. Wir finden die Schlüssel zu einem Verständnis, was Anteile bewegt und warum sie so fühlen und handeln, wie sie es tun. Und dann schauen wir uns mit diesem Wissen noch mal unsere alte Innere Landkarte an und reflektieren über die Dynamiken zwischen Anteilen. Mit diesem neuen Verständnis von Motivation und Willen entsteht ein neues Bild davon, wie wir als System funktionieren und warum die Dinge so sind, wie sie sind. Es wird offensichtlich, dass wir auf keinen Anteil verzichten können, weil sie eine Bedeutung fürs Gesamtsystem haben. Das Bild beginnt sich zu sortieren und mehr Sinn zu machen und wenn wir Glück haben, bemerken wir, dass das alles zusammen gehört und auf filigrane Art zusammenarbeiten muss, damit die Gesamtperson irgendwie aufgeht. Was vielleicht als ein lustiges Spiel angefangen hat, das Aussehen und die Vorlieben von Anteilen aufzuschreiben, kann zu einem massiven neuen Verständnis davon werden, wer wir sind und wie das alles zusammenpasst. Es führt Dimensionen ein, die wir nicht erreichen, wenn wir nur Rollen diskutieren. Das ist nicht, wie man ganz am Anfang in der Therapie einen Systemüberblick gestalten würde. Aber es kann später eine erstaunlich erfüllende und gewinnbringende Art sein, uns mit uns auseinanderzusetzen, wenn wir nicht mehr so viel Angst davor haben, was wir in der Tiefe von uns finden.
Eine neue Landkarte
Als eine sehr grobe Orientierungshilfe für eine neue Übersicht übers innere System könntet ihr diesen Fragen folgen:
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- Was bemerken Anteile und was schenken sie Aufmerksamkeit? Könnt ihr erklären, warum?
- Wie erklären sich Anteile die Welt? Welche Bedeutung ziehen sie aus einer spezifischen Kernerfahrung?
- Was ist ihnen wichtig? Warum ist das wichtig? Und warum kümmert sie das so sehr?
- Was wollen sie? Welche Art von Willen treibt sie zum Handeln?
- Wie ergeben ihre Handlungen und Gewohnheiten in diesem Kontext einen Sinn? Welche Handlungen scheinen möglich und welche unmöglich?
- In welcher Beziehung steht all das zu dem, was ihr über andere Anteile wisst? Wie interagiert das miteinander?
[Nein, ich habe keine Quelle für diesen Artikel außer eine ausschweifende Bewegung in Richtung der Psychologie als Disziplin, die sich mit Dingen wie Aufmerksamkeit, Motivation und Verhalten auseinandersetzt. Ich habe ein paar grob enaktivistische Gedanken mit reingemischt.]
