Wenn Trauma chronisch geworden ist und unsere Stressreaktionen zu unserem normalen Funktionsmodus in der Welt, werden wir die Auswirkungen davon in unserer Persönlichkeit bemerken. Die Art, wie wir uns und die Welt sehen und wie wir uns in der Welt verhalten, wird von defensiven Handlungen geleitet sein. Wir entwickeln vielleicht Verhaltensmuster, die auf unseren häufigsten Stressreaktionen beruhen. Die werden leicht zu konditionierten Handlungen, die automatisch ablaufen. Wir eigenen uns auch eine Sammlung von Verhaltensweisen an, die wir verwenden, um unsere Scham und Angst zu managen. Diese schützenden Verhaltensweisen sind so eng in unsere Verhaltensmuster verwoben, dass sie ein Teil davon werden, wer wir von außen zu sein scheinen und wie wir uns selbst sehen. Die Diagnosekriterien für kPTBS beschreiben eine Veränderung der Persönlichkeit in Reaktion auf die Traumatisierung. Das ist weder selten noch ungewöhnlich.
Trauma Persönlichkeits-Typen?
Pete Walker, ein populär-psychologischer Autor, hat das Konzept von 4 Trauma-Typen erfunden. Er mischt dafür chronische defensive Handlungen mit Eigenschaft, die man in Persönlichkeitsstörungen findet und schlägt 4F Typen bei kPTBS vor. Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für diese Typen. In der Traumaforschung werden die nicht verwendet. Sie basieren auf seinen persönlichen Beobachtungen und ich gebe zu, dass sie mich ärgern. Ich erlebe sie als abwertend und einschränkend zugleich. In Wirklichkeit verwenden Menschen den Cocktail aus defensiven Handlungen, der in der Vergangenheit am erfolgreichsten war, weil das inzwischen automatisch abläuft. Gibt es chronische Stresszustände, in denen wir feststecken, bedienen wir uns meist bei Abwehr Verhalten, das zu diesem Stresszustand passt. Menschen neigen dabei eher zu Hyperarousal oder zu Hypoarousal, das sind die beiden Typen, die in der Traumaforschung anerkannt sind, aber das beruht nicht auf Persönlichkeitseigenschaften. Menschen haben ihre eigenen Muster von Schutz, die auf ihren Lebenserfahrungen beruhen. Stressreaktionen liegen an der Oberfläche dieser Schutzfunktionen und lassen sich relativ einfach ändern. Ich persönlich glaube, dass man Konzepte nicht so wild mischen sollte, um sich als einen Trauma-Persönlichkeitstyp zu definieren.
Schichten von Trauma Reaktionen
Meine Erfahrung ist, dass es Schichten von Schutzreaktionen gibt und man sich mit der Zeit verändert. Jemand mit einer chronischen Freeze/Shutdown Reaktion kann sich irgendwann etwas machtvoller und fähiger in dieser Welt fühlen. Situationen sehen nicht mehr völlig hoffnungslos aus, weil wir uns nicht mehr völlig hilflos fühlen. Und das kann eine neue Schicht von defensiven Handlungen zum Vorschein bringen. Mit mehr Verbindung zu unserem Körper und Emotionen erleben wir vielleicht mehr Flight und/oder Fight Reaktionen, wenn uns was triggert. Wir erleben mehr Angst oder emotionale Ausbrüche, wenn wir nicht mehr chronisch dissoziiert sind. Wir haben dann nicht plötzlich ein völlig neues Profil von Trauma-Typ entwickelt. Wir sind nur von dem am meisten hilflosen Abwehrmuster in ein aktiveres gewechselt.
Neues Bewältigungsverhalten
Neue Stressreaktionen, die unsere Reaktion auf die Herausforderungen des Lebens werden, benötigen neue Strategien, um damit umzugehen. Wenn wir uns nicht anpassen, tauchen vielleicht neue toxische Strategien auf, die wir noch nicht kannten. Wir waren richtig gut darin geworden, Dissoziation zu managen. Jetzt haben wir ein anderes Erleben und brauchen vielleicht Strategien für Angst, Aggression oder andere Dinge, die wir vorher gar nicht spüren konnten. Wir verändern uns. So eine Veränderung macht nicht immer sofort eine frisch geheilte Person aus einem. Zuerst verändert sich möglicherweise nur, wie unsere Verletzungen und unsere Schutzreaktionen sich ausdrücken. Es kann Momente geben, wo man sich danach sehnt, wieder Taubheit zu haben, weil sich so viel Angst zu spüren nicht wie ein Fortschritt anfühlt. Das ist es aber dennoch. Die Übungen, die früher nie recht Sinn ergeben haben, wie Atemübungen oder Imaginationen, fangen hier gegebenenfalls an zu greifen und gewinnen an Wert. Es ist eine gute Idee, sich Listen mit Strategien noch mal ganz neu anzuschauen und zu bewerten. Erfolgreiches Coping verändert sich mit der Zeit und passt sich unserem neuen Erleben an. Es sieht anders aus und lässt uns anders aussehen.
Trauma Prozessieren
Das Prozessieren und Integrieren von Erinnerungen in unsere Lebensgeschichte hilft unserem Wesen zu erkennen, dass wir jetzt in Sicherheit sind. Die pausenlosen Abwehrreaktionen werden nicht mehr benötigt. Nicht mal Flight oder Fight. Wir sind in dieser Welt gerade meistens sicher und können unsere Schutzmechanismen entsprechend reduzieren. Trauma Integration ist dabei der Schlüssel, der uns hilft, aus den defensiven Handlungen rauszukommen und in normale Handlungen zu finden, die zum aktuellen Leben passen. Die Bedrohung ist in der Vergangenheit und heute ist das Leben anders. Das ist etwas, das Stabilisierung alleine nicht leisten kann. Wir haben jetzt das erste Mal seit langen oder seit jeher die Gelegenheit, uns kennenzulernen, wie wir ohne Stressreaktionen sind; wer wir sind, wenn unsere Wahrnehmung und Handlungen nicht von schützenden Handlungen bestimmt sind, nicht mal von erhöhter Wachsamkeit. Es kann sich anfühlen, als wären wir ein völlig anderer Menschen, wenn wir entspannt sind und nicht dauernd nach Gefahr Ausschau halten. Unser entspanntes selbst ist eines, das wir noch nicht kennen. Das wird wieder zu einer Veränderung darin führen, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie andere uns wahrnehmen. Unter den Schichten von Stressreaktionen finden wir mehr davon, wie wir sind. Die anderen Versionen von uns sind nicht falsch oder weg. Bestimmte Ausdrucksformen von Verhalten werden nur nicht mehr verstärkt und stehen nicht mehr im Vordergrund. Wir wissen besser als andere Menschen, wer wir unter Hochstress sind. Und es gibt eine neue Art zu sein, die wir entdecken, wenn wir zur Ruhe kommen. Was unterdrückt wurde, kommt dann mehr an die Oberfläche.
Andere Schutzschichten
Die Entwicklung ist nicht beendet, wenn wir uns aus chronischen körperlichen Stressreaktionen rausgearbeitet haben. Was innerlich wehtut, hat sich verlagert. Es liegt in der menschlichen Natur, Schwachstellen in unserem Erleben zu schützen und es gibt eine Vielzahl von psychologischen Abwehrmechanismen, die Menschen verwenden, um normalen schwierigen Gefühlen wie Scham oder Angst zu entgehen oder mit schmerzhaften Erinnerungen umzugehen. Wenn wir unsere innere Arbeit weiter machen um zB unsere Beziehungen zu verbessern oder große Lebensziele zu erreichen, begegnen uns diese normalen Formen von Vermeidung, Intellektualisieren, Projektionen usw die nicht mehr hauptsächlich von Trauma Erinnerungen oder ihrer Vermeidung getrieben sind. Sind wir diese Muster früher angegangen, hat es da wahrscheinlich einen ‘Widerstand’ gegeben, das zu ändern, weil das verstrickt war mit unseren Trauma Reaktionen und das zuerst gelöst werden musste. Irgendwann befinden wir uns wieder auf dem Boden der normalen Psychologie und nicht mehr der Traumatologie. Da gibt es immer noch viel zu erforschen und das zu tun, hilft uns, ein neues Leben für uns zu bauen, das stabil und erfüllend ist. An dieser Stelle machen manche Leute ‘Shadow Work’ oder untersuchen anders, die (Un)tiefen davon, wer sie sind. Es ist wahrscheinlich ökonomisch, nur so weit zu forschen, wie es uns was bringt. Ohne ein klares Ziel kann man sich damit auch vom echten Leben ablenken. Sollten wir eine echte Persönlichkeitsstörung haben, wird sie in dieser Phase deutlicher erkennbar als etwas, das getrennt vom Trauma besteht. Sie zeigt sich dann in dem Schichten von Verhalten, das wir unter den Trauma Reaktionen freigelegt haben.
Wir selber werden
Das ist eine überraschende und manchmal verwirrende Phase der Entwicklung. Wir lernen viel über uns, was vorher versteckt war, weil wir zu viel damit beschäftigt waren, andere Probleme zu lösen. Was wir mögen und nicht mögen kann sich verschieben. Wir könnten bemerken, dass wir weniger introvertiert sind als wir dachten. Da ist vielleicht mehr Offenheit, Flexibilität und ein anderes Spektrum von Emotionen. Vielleicht ändert sich unser Myers-Briggs oder Enneagramm Typ (falls ihr auf solche Typologien und Tests steht und die 4F Typen deswegen interessant fandet. Das ist kein wissenschaftliches Messinstrument, aber ein Ort, wo Veränderung sichtbar werden kann). Die Person, die unter den Abwehrreaktionen zum Vorschein kommt, kann für uns fremd sein und wir sind überrascht und irritiert davon, herauszufinden, wie wir denken und handeln, wenn wir uns nicht ständig bedroht fühlen. Andere Persönlichkeitsmerkmale treten in den Vordergrund. Unerwartete Kompetenzen oder Leidenschaft treten zutage, wenn sie nicht mehr unterdrückt werden. Wir sind nicht unser Trauma. Wir haben unseren eigenen Persönlichkeitstypen.
Sitzungen zum Trauma Prozessieren können uns manchmal sehr zügig auf ein neues Level von Erleben heben. Wir spüren einen Mut, den wir nicht erwartet haben und sehen, wie wir Dinge tun, die wir nie für möglich gehalten hätten. Jemand erhebt sich aus den Ruinen. Der Prozess ist nicht so klar linear, auch wenn wir das zur Vereinfachung in einer Reihenfolge beschrieben haben. Wir bewegen uns in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich schnell durch die Schichten von Abwehrreaktionen. Mit DIS bewegen sich auch Anteile in unterschiedlichem Tempo durch die eigenen inneren Prozesse und das bedingt sich manchmal, ist aber nicht völlig abhängig voneinander. So entstehen Teilstücke von neuen Erfahrungen mit uns selbst und das passiert nicht alles auf einmal. Das ist vielleicht auch notwendig so, um das neue Erleben integrieren zu können. Wir brauchen Zeit, um uns daran zu gewöhnen, wer wir werden. Eine Verschiebung, die zu schnell passiert, hat das Potenzial eine Identitätskrise auszulösen. Die Veränderung sind auch so groß genug, um uns bei Atem zu halten.
Persönlichkeit in Bewegung
Nicht alle werden die Chance haben, alles auszugraben, was von Trauma beeinflusst wurde. Wir werden nie ganz rausfinden, wer wir hätten sein können und der Heilungsprozess bringt seine eigenen Erfahrungen mit sich, die uns formen. Es gibt keinen Weg zurück zu dem, was wir ursprünglich mal waren. Wir haben das hinter uns gelassen und uns durch verschiedene Stadien transformiert. Ich halte es für weise, sich nicht zu sehr mit den eigenen Traumafolgen zu identifizieren. Wir sind nicht unsere Stressreaktionen, wir haben die. Sie haben einen deutlichen Einfluss darauf, wie wir die Welt erleben und wie die Welt uns erlebt, aber die definieren uns nicht grundlegend. Wir sind kein F Typ. Wir entwickeln uns ständig und mit jeder Trauma Erfahrung, die aus dem Weg geräumt wird, taucht etwas Neues von uns auf. Eine Lebensspanne ist vielleicht nicht genug, um den Prozess zu beenden, aber es kann in Bewegung bleiben und wir lernen uns ständig auf neue Weise kennen. Ich hoffe, wir begrenzen uns und andere nicht auf Symptome. Das ist nicht, wer wir sind. Mit jedem Schritt, den wir in Recovery gehen, werden wir jemand Neues.
