In der professionellen Literatur zu DIS finden sich eine Reihe von ‘Phobien’, die klassisch in der DIS Therapie auftauchen und die wir überwinden müssen. Diese Phobien werden meist so aufgelistet:
- Phobie für Bindung und Bindungsverlust (in jeweils anderen Anteilen)
- Phobie für mentale Handlungen (Gedanken, Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen usw), die mit dem Trauma zu tun haben
- Phobie für andere Anteile
- Phobie für traumatische Erinnerungen
- Phobie für Veränderung und davor, gesunde Risiken einzugehen
- Phobie für ein normales Leben
- Phobie für Intimität (emotionale und sexuelle)
Grob gedacht ergibt das drei Phobien für Phase 1, eine Phobie für Phase 2, und weitere drei Phobien für Phase 3. Die Phobien erhalten unsere strukturelle Dissoziation aufrecht, weil die tiefe Angst uns davon abhält, genau die Dinge zu tun, die uns helfen, zu heilen.
Patient*innen als Angsthasen?
In der frühen DIS Literatur werden diese ‘Phobien’ als eine Art Widerstand, Vermeidung und Escape Strategie verstanden, sodass wir uns als Patient*innen nicht schwierigen Gefühlen stellen müssen. Manche Fachleute wollen das gerne in einer Art lesen, die Betroffene mit schweren Vorurteilen belegt. Das klingt dann so, als wären Betroffene nur zu faul, um sich ihren Ängsten und Schwierigkeiten zu stellen und das sei das ganze Problem. Wir müssten nur aufhören, die Wahrheit zu vermeiden und das sei dann auch schon die ganze Lösung. Die gelebte Realität erzählt eine andere Geschichte.
Eine Patientenperspektive
Sind wir wirklich Angsthasen, wenn wir uns von innerem Erleben und äußeren Handlungen zurückziehen? In Wirklichkeit überfordert die Erfahrung unsere Fähigkeit, uns zu regulieren und wir treten entweder davon zurück oder wir werden davon retraumatisiert. Normalerweise wendet unser Mind-Body-System den Aus-Schalter an, um uns vor der Überforderung zu beschützen und wir dissoziieren. Das ist keine bewusste Entscheidung und diese automatische Reaktion ergibt oft viel Sinn. Mehr frontale Exposition führt nicht zu einer besseren Fähigkeit, uns zu regulieren.
Kapazität
In unserem Verständnis beschreibt der Begriff ‘Kapazität’ die Breite von Erfahrungen, wo unsere Fähigkeit uns zu regulieren erhalten bleibt und wir zu einem stabilen Zustand zurückkehren, nachdem wir gestresst wurden. Liegen Erfahrungen innerhalb dieses Spektrums, können wir die Situation in unser Bild von uns selbst und der Welt integrieren. Indem wir lernen, uns besser zu regulieren, erweitern wir auch die Breite von dem, was wir integrieren können. Zuerst wird diese neue Kapazität dafür verwendet, Selbstfürsorge und tägliche Funktionen zu verbessern. Sie wird direkt in die Gegenwart investiert. Gute Selbstfürsorge macht uns weniger anfällig für Stress. Wir können z.B. mit mehr Dingen klarkommen, wenn wir gut geschlafen haben und das erhöht auch noch mal Kapazität. Wenn wir irgendwann mehr haben, als wir zum funktionieren brauchen, wird unsere Psyche die übrige Kapazität dafür verwenden, Dinge aus der Vergangenheit zu integrieren, die noch unverarbeitet sind. Das ist auch ein Grund dafür, warum es gar nicht selten ist, dass DIS erst spät im Leben entdeckt wird. Der Alltag hat bis dahin alle Kapazität gefressen und eine Veränderung, wie Kinder, die das Haus verlassen oder der Renteneintritt, reduziert den Stress so deutlich, dass endlich andere Dinge ins Bewusstsein treten können. Unsere allgemeine Kapazität uns zu managen steht in Verbindung mit Integrativer Kapazität.
Integrative Kapazität?
In unserem Verständnis beschreibt Integrative Kapazität die Breite und Tiefe von Wissen, Erfahrungen, Verstehen usw, das wir in unser Verständnis von uns selbst und die Welt einbauen können. Wir kehren zu einer stabilen inneren Balance zurück und können die Information mühelos in uns halten, nachdem sie hinzugefügt und integriert wurde.
Lasst uns da eine bildliche Vorstellung verwenden.
Wir können uns vorstellen, dass unser Bewusstsein von uns selbst und der Welt wie ein Koffer ist, den wir mit uns rumtragen. Als wir Kinder waren, hat in den Koffer nicht so viel reingepasst, wo es in unser Bild von uns und der Welt integriert werden konnte (bzw Dinge waren viel zu groß!). Manche Dinge wurden sorgsam zusammengelegt und dicht zusammengepackt und andere liegen im Raum verstreut, gehören deswegen aber trotzdem noch uns. Wir haben nur nicht den Platz im Koffer, um sie dort aufzubewahren.
Wenn wir Regulation lernen und unsere Kapazität insgesamt wächst, wird auch der Koffer etwas größer (es sei denn, wir überfordern uns ständig mit Konflikten im Außen, um das zu vermeiden). Wir haben Platz frei und der wirkt wie ein Vakuum. Wenn er groß genug wird, saugt das ganz natürlich einige der kleineren Klamotten an, die im Raum drum herum liegen. Wir erleben dann spontane Integrative Handlungen. Erinnerung kommt zurück und wird neu verknüpft. Wir realisieren etwas über unser Leben oder andere Menschen in unserem Leben. Vielleicht wird uns plötzlich klar, dass wir keine jungen Erwachsenen mehr sind (Personifikation) oder dass Täter*innen inzwischen alt und senil sind (Präsentifikation). Es braucht einiges an leerem Platz in unserem Koffer, um so ein natürliches Vakuum zu erzeugen, das auch natürlich gefüllt wird. Das braucht oft längere Zeiten von spürbarer Sicherheit.
Öfter ist es so, dass wir in Therapie sind und mühsam versuchen, mehr Kleidung in den Koffer zu stopfen, weil es echte Probleme bereitet, sie nicht bei uns zu haben. Wir versuchen also aktiv, noch etwas unterzubringen und wenn es dafür genug Platz gibt, können wir dieses neue (eigentlich alte) Verständnis festhalten und in unsere Koffer-Sammlung integrieren. Es ist sehr häufig so, dass freier Platz am Anfang rar ist und wir froh sind, wenn wir noch eine zusätzliche Socke untergebracht kriegen. Mit der Zeit gewöhnt sich unser Koffer mehr daran, erweitert zu werden, aber wir werden wahrscheinlich auch später im Prozess noch unsere Schwierigkeiten haben, weil die Kleidungsstücke, die wir versuchen unterzubringen, später viel größer sind als während der Stabilisierung.
Integrative Kapazität und Phobische Vermeidung
Wenn wir zu unserem Erleben von phobischer Vermeidung von bestimmten Realisationen und inneren Erfahrungen zurückkehren und dabei unser Konzept von Integrativer Kapazität und unserem Koffer im Sinn behalten, macht das alles vielleicht mehr Sinn. Dann ist die Frage nicht mehr, ob wir faul sind und Widerstand leisten. Sie ist, wie viel Platz wir in unserem Koffer haben und wie groß die Dinge sind, die wir versuchen, darin unterzubringen. Es ist normal, etwas nicht festhalten zu können, wenn es nicht reinpasst. Es gibt nicht genug Kapazität, um das zu integrieren. Also bleiben sie außerhalb des Koffers und wir tragen sie nicht ständig mit uns rum. Es gibt keine Möglichkeit, das zu erzwingen.
Es ist normal, dass wir fehlgeschlagene Versuche von Integration erleben. Dann haben wir einen Moment von Realisation, vergessen es aber anschließend wieder. Die Socke ist aus dem Koffer gefallen. Es gibt keinen Grund, sich deswegen Sorgen zu machen. Das ist kein Versagen. Irgendwann passt das rein und die Erkenntnis kommt zurück.
Die erfolgreichste Strategie, um an diese ‘Phobien’ dran zu gehen, sind winzige aber stetige Schritte. Die kleinsten vorstellbaren Schritte. Wenn eine Socke zu groß ist, versuchen wir ein Taschentuch einzupacken. Ein klassischer Weg, um die Phobie vor anderen Anteilen anzugehen, ist Signposting. Das bietet ein kleines Fenster, wo Anteile eingeladen sind, zuzuhören und etwas zu teilen, nichts tiefes oder gefährliches, aber es wird täglich wiederholt. Eure Ts können euch mehr Ideen geben, wie bestimmte Phobien aufgelockert werden können. Die drücken sanft gegen die Grenzen des Koffers, um ihn ein kleines bisschen zu weiten und dann regulieren wir uns wieder und machen normale Sachen (Pendulation). Das funktioniert analog dazu, wie man sonst Kapazität für Stress erhöht.
Ist ‘Phobie’ das richtige Wort?
Je länger ich mit integrativen Prozessen beschäftigt bin, desto weniger erscheint es mir hilfreich, von der definitiv präsenten starken Angst im Sinne einer ‘Phobie’ zu denken. Wenn ich versuche, große Gegenstände in meinen Koffer zu pressen und der ist nicht groß genug, aber ich versuche es mit Gewalt und das dehnen von Grenzen wird zu einem reißen der Grenzen meines Koffers, dann erlebe ich intensive Angst. Weil das Material meines Koffers nicht aus Synthetikfasern besteht sondern aus meiner Psyche. Ist diese Angst nicht normal und angemessen? Und ist das Problem dann wirklich die Angst oder ist es eine Frage von Integrativer Kapazität?
Ich habe mir diese Frage nie gestellt, bis die Phobie vor Veränderung und gesundem Risiko eine Realität in meinem Leben geworden ist und ich es nicht mehr mit Trauma Erinnerungen zu tun hatte, die die Angst erklärt hätten. Nachdem ich ein feines Gespür dafür entwickelt habe, wie viel integrative Kapazität ich gerade habe und wie groß die Dinge sein können, die ich neu in den Koffer packe, bin ich auf die erste Situation gestoßen, wo ich wirklich gerne etwas Neues probiert hätte, aber es war zu groß zum integrieren. Mir hat es wahrlich nicht an Motivation gefehlt. Es war für diesen Moment nur zu groß. Was, wenn wir uns erlauben würden, dass das eine Realität ist? Dass große Dinge manchmal zu groß sind und uns damit zu stretchen zu sehr weh tut und Angst verursacht und die Lösung nicht ist, daran zu arbeiten, nicht ängstlich zu sein. Sie liegt darin, Kapazität zu erweitern, um mehr Platz zu schaffen. Ich bin selber an einem Punkt, wo ich glaube, dass frontale Expositions-Ansätze für DIS glückliche Zufälle sind, wenn sie funktionieren. Der Koffer konnte mit Druck eben gerade genug gestretched werden, damit was reingepasst hat und die Person vom Prozess nur moderat verletzt wurde. Mehr Druck macht keine bessere Therapie. Ich glaube ehrlich, dass es bessere Wege gibt. Die Lehre von den kleinen Schritten begleitet die professionelle DIS Therapie im Grunde schon solange es sie gibt. Das betrifft auch die ‘Phobien’.
Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen, dass man Angst hat. Ich glaube ganz ehrlich, dass das eine natürliche Reaktion ist, wenn wir kurz davor sind, dass unsere (integrative) Kapazität überfordert wird. Ich möchte vorschlagen, die Phobien bei DIS als den Effekt eines vollen Koffers zu betrachten statt als einen Charakterfehler oder die Vermeidung von etwas Ungemütlichem. Wir kennen ungemütliche Sachen, wirklich. Wir sind nicht faul. Es gibt keine Vermeidung, die zu vermeiden ist. Wir brauchen integrative Kapazität, um neue und alte Dinge zu integrieren. Es macht mehr Sinn, sich den Phobien mit dem Modellkonzept von Integrativer Kapazität zu nähern.
Auch interessant:
Ihr findet das Konzept der Phobien bei DIS und darüber hinaus das Konzept von Handlungstendenzen in ‘Das verfolgte Selbst’ (Stelle, van der Hart, Nijenhuis)
