Psychologische Sicherheit ist ein Begriff, den wir uns aus der Organisations-Psychologie ausleihen werden, um innere Dynamiken in einem DIS System anzuschauen. Psychologische Sicherheit beschreibt eine Kultur, die in einer Gruppe miteinander geteilt wird, die es sicher macht, etwas zu sagen, Bedürfnisse, Ideen oder Zweifel auszudrücken, Risiken einzugehen, Fehler zu machen und aus Fehlern zu lernen. Werkzeuge, die in dieser Kultur nicht verwendet werden, sind Demütigung, Schuldzuweisungen, Beschämung und Strafe, sowie Dominanz und Unterwerfung. Einige Dinge, die wir hier schon geteilt haben, basieren auf diesem Konzept, wie der Umbau von Hierarchien zu Teaming oder Unbestrafbar Sein. Ich halte das für ein günstiges Konzept, das vieles einfacher macht.
.
Warum wir psychologische Sicherheit brauchen
Erst einmal performed niemand unter Angst besonders gut. Wer Sorge hat, mit harscher Kritik oder Abwertung runtergemacht zu werden, wird die eigenen Schwächen verbergen, Fehler verstecken und nur so funktionieren, wie es verlangt ist und dabei nie eine eigene Idee einbringen, wie man etwas verbessern könnte. Man lernt dann kaum, weil man kaum etwas Neues ausprobiert und das bedeutet für das ganze System, in dem man ist, dass es da keine wirkliche Innovation gibt. Man steckt fest. Wir kennen das Gefühl vielleicht von unserem eigenen inneren Erleben.
Zusätzlich zu dem völlig normalen Bedürfnis nach Sicherheit, das alle haben, haben wir einen Traumahintergrund und fühlen uns ohnehin nie sicher. Wir haben wahrscheinlich eine Kultur erlebt, die psychologischer Sicherheit entgegen stand und all die verbotenen zwischenmenschlichen Werkzeuge genutzt hat. Wir brauchen es, unsere innere Kultur zu verändern, um von diesen Erfahrungen zu heilen. Wenn wir das innerlich ständig reinszenieren, wird aus dem Trauma wirklich eine lebenslange Sache, selbst nachdem wir erfolgreich Erinnerungen verarbeitet haben. Im schlimmsten Fall reduzieren wir selber die psychologische Sicherheit in unserem Umfeld, weil wir uns auf eine Weise verhalten, die psychologische Sicherheit untergräbt: Schuldzuweisungen, Beschämungen, Strafen, die ständige Suche nach Dominanz in der Beziehung. Das macht niemand Gesundes freiwillig länger mit.
Mit DIS können wir es uns schlicht nicht leisten, dass Anteile ihre Fehler verstecken, wenn wir Amnesien dafür haben, was passiert ist. Die Auswirkungen werden nur exponentiell schlimmer. Wir können es uns auch nicht leisten, eine Kultur zu pflegen, wo niemand etwas Neues ausprobieren darf, ohne gleich dafür bestraft zu werden. Wir brauchen Neues, um ein neues Leben zu erschaffen. Wir müssen uns gegenseitig etwas Raum geben, um etwas Neues lernen zu können.
Elemente von psychologischer Sicherheit
Ich werde kurz umreißen, wie man so eine neue innere Kultur angehen kann. Das ist nicht umfassend und kann ergänzt werden. Es ist nur der Beginn von einem Konzept, das man dann privat für sich weiterentwickeln kann.
Gutwilligkeit
Wir beginnen damit, anzunehmen, dass alle ihr Bestes tun, in dem Maß ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten. Niemand versucht ernsthaft, alles zu ruinieren. Selbst Anteile, die sich wie gegnerisch anfühlen, haben gute Gründe für ihr Verhalten, das zu ihrem Verständnis der Welt passt. Wir nehmen eine mentale Haltung ein, bei der wir annehmen, dass alle zum Team gehören und ihr Bestes tun. Stellen, wo das System noch nicht so gut funktioniert, schauen wir später an. Zuerst sollten wir klar haben, dass niemand im inneren Raum wirklich der Feind ist, den wir bekämpfen müssen.
Zugehörigkeit
Wir nehmen an, dass alle im System ein Recht haben, da zu sein und dass sie eine wichtige Rolle spielen. Es kann etwas dauern zu verstehen, welche Rolle sie bisher hatten und welche sie in Zukunft haben werden. Aber alles gehört dazu. Es gibt keinen Gedanken, keine Überzeugung und kein Bedürfnis, das einfach verstoßen wird. Wir gehören zusammen, wir arbeiten zusammen daran, das Leben für alle besser zu machen und wenn wir uns vor Schwierigkeiten gestellt sehen, werfen wir niemanden vor den Bus. Wir können die Idee von so einer inneren Kultur schon etablieren, bevor wir anfangen, sie auch deutlich zu spüren. Die Gewissheit, nicht irgendwie rausgeschmissen oder ausgeschlossen zu werden, wenn etwas nicht klappt, ist nötig für psychologische Sicherheit und ganz besonders bei Bindungstrauma. Einige der schlimmsten Ängste können von Verlassenheit getriggert werden. Indem wir uns gegenseitig wählen, treffen wir die Entscheidung für eine andere Art von Kultur, in der wir leben wollen. Wir entscheiden uns für Bindung statt Kontrolle.
Großzügigkeit
Für eine Grundhaltung von Großzügigkeit nehmen wir immer das Beste an statt das Schlimmste, wenn wir etwas bemerken, was wir nicht mögen oder so nicht unterstützen würden. Es ist unheimlich einfach, überall kleine Fehler zu finden, drauf zu zeigen, was alles fehlt, oder auf Dinge, von denen wir selber denken, dass die anders sein müssten. Das kommt aus einem kritischen Mindset und ist erstaunlich wenig hilfreich, wenn es darum geht, etwas zu verbessern. Menschen, die ständige Kritik erwarten, werden defensiv. Sie werden nicht zu Lernenden. Wenn uns etwas auffällt, nehmen wir stattdessen das Beste an. Jemand hat ihr Bestes gegeben und da sind auch Sachen, zu denen wir was fragen oder hinzufügen können. Es ist eine Chance für eine offene Unterhaltung. Freundlichkeit, Offenheit eine andere Perspektive anzuhören und das Verständnis, dass es eigentlich im Großen und Ganzen keine bedeutsame Sache ist, sind dabei hilfreich. Kleine Punkte, die eigentlich keine Auswirkungen haben, kann man sogar einfach unter den Tisch fallen lassen, ohne darauf aufmerksam machen zu müssen. Das geht über ‘Leben und leben lassen’ hinaus. Das ist die unterste Ebene von Sicherheit, die nötig ist, um effektiv zu lernen. Wenn Teen Anteile zum ersten Mal für uns kochen, lobe ich die Mahlzeit und konfrontiere sie nicht mit dem Zustand der Küche. Es gibt so etwas wie ‘gut genug’, selbst wenn es nicht perfekt ist und es uns leicht fallen würde, etwas zum Kritisieren zu finden. Einfach mal durchgehen lassen. Ich weiß, dass das am Anfang schwer ist.
Lernendes System
Es hilft, unser System als ein Lernendes System zu verstehen. Wir wissen nicht, wie alles heute funktioniert. Wir haben vielleicht gewusst, wie es in der begrenzten Welt von TraumaZeit zuging. Aber dieses erwachsene Leben und wie unser Heilungsweg funktioniert, ist nichts, wo wir echte Expertise für mitbringen. Es braucht die Freiheit, scheinbar dumme Fragen zu stellen. Wir müssen neue Sachen ausprobieren, um zu sehen, ob die klappen oder nicht. Dann machen wir das weiter, was funktioniert und wo wir versagen, lernen wir einfach weiter. Jemand hat das mal als ‘failing forward’ oder ‘vorwärts versagen’ beschrieben. Indem wir uns als ein System definieren, das Dinge lernt, nehmen wir einen unglaublichen Druck von allen.
Wenn etwas klappt, freuen wir uns. Wenn etwas nicht klappt, lernen wir etwas. Und das ist alles, was es braucht, um ein Versagen zu managen. Wir brauchen keine Strafen oder auch nur die harsche Kritik, die wir so gut können. Wir probieren es einfach noch mal anders. Kontrollierende EP’s werden beschrieben als Anteile mit dem Ziel von Kontrolle und ihr Werkzeug, um sie zu erreichen, ist Kontrolle. In unserer neuen Kultur ist das Ziel das Lernen und das Werkzeug, wie wir da hin kommen, ist lernen. Lernen ersetzt den Drang nach Kontrolle erstaunlich effektiv, weil es näher an das eigentliche Bedürfnis ran kommt als die Illusion von Kontrolle es tut. ‘Wir sind ein Lernendes System’ kann dann zu einem Mantra werden, um knifflige Situationen zu managen.
Diversität als etwas Positives
In DIS Systemen sind Anteile oft zwischen Extremen aufgeteilt und decken verschiedene Aspekte davon ab, eine Person zu sein. Manche kennen Wut und können sich durchsetzen, andere kennen Fürsorge und Sanftheit. Wir als Gruppe decken alle Bereiche ab, aber kein Anteil kann das alleine. Unterschiedlich zu sein, ist nicht das Problem. Das ist ein Kernstück davon, wie wir sind. Wir sollen gar nicht alle gleich sein, denn wer würde dann die ganzen Bereiche abdecken, die Nicht-Ich sind? Ein System funktioniert, weil wir unterschiedlich sind. Es kann eine Herausforderung sein, das zu akzeptieren.
Westliche Kulturen haben in den letzten Jahren einiges an Lebendigkeit eingebüßt, weil sie ihre Toleranz dafür verlieren, dass etwas anders ist als sie selbst. Irgendwie ist aus unserer Art zu sein oder etwas zu sehen die einzig gültige Art geworden. Selbst Leute, die auf den Wert von Diversität bestehen, haben erstaunlich begrenzt Stresstoleranz für Leute, die andere Gedanken dazu haben. Wir vergessen kulturell, wie man mit Leuten lebt, die nicht genauso sind wie wir. Und wenn die Welt um uns herum uns ständig sagt, dass alle, die anders sind, die Feinde sind, wird das schnell auch eine innere Kultur, wo wir Stimmen zum Schweigen bringen, die etwas anderes beizutragen haben. In psychologischer Sicherheit hören wir uns alles an, was geteilt wird. Wir brauchen diese anderen Perspektiven. Manchmal wissen Anteile Dinge, die wir nicht wissen. Eine gesunde Dosis Demut ist angebracht. Wir als Anteil sind nicht die Krone der Schöpfung, in allen Gebieten, zu jeder Zeit. Ein weniger ego-zentrierter Ansatz bringt das Team ins Zentrum. Das Team kann viel mehr, als ein einzelner Anteil hinkriegt.
Unterschiedliche Meinungen oder Perspektiven zu haben, ist keine Bedrohung. Es gibt nicht den einen Weg, etwas zu sehen oder zu verstehen. Das scheint in unserer aktuellen Kultur schwer zu erkennen zu sein. Der Dualismus von einer klar richtigen Sache und einer klar falschen Sachen kommt viel seltener vor, als wir denken. Wir alle brauchen mehr Übung darin, gegensätzliche Meinungen oder Perspektiven in einem Raum auszuhalten. Ohne das Bedürfnis, die Leute auszuschließen, die anders denken als wir. Verschiedene Perspektiven bringen neues Lernen, das ist alles. Unser Kampf gegen das Nicht-Ich hindert uns daran, etwas zu lernen. Manches steht einfach nebeneinander und nimmt sich nichts. Man könnte denken, dass das für Leute mit DIS total offensichtlich sein müsste, aber in Wirklichkeit kämpfen Anteile oft, weil sie fest glauben, dass es nur eine richtige Antwort gibt und es muss ihre eigene sein, sonst entsteht ein Gefühl von Vernichtung und das macht große Angst. Gelebte Diversität, die Raum für andere Perspektiven schafft, kann diese existentielle Angst reduzieren.
Erleichterung
Vielleicht habt ihr körperliche Reaktionen bemerkt bei der Beschreibung von sicheren und unsicheren Settings. Ich bemerke selber oft einen Seufzer der Erleichterung, wenn ich von psychologischer Sicherheit höre. Es fühlt sich an, als würde eine schwere Last weggenommen und ich kann wieder frei atmen. Es gibt Forschung zu psychologischer Sicherheit in Teams, die an besonders schweren Aufgaben arbeiten, zB bei Nasa. Da gibt es weniger unnötigen Druck. Energie kann besser investiert werden als darein, sich zu schützen, nie Fehler zu machen oder Fehler zu vertuschen. Die Teams sind glücklicher, produktiver und sie verschieben die Grenzen des Möglichen durch Innovation. Sie lernen tatsächlich zusammen und erschaffen zusammen Neues. Ein unsicheres Umfeld saugt die Energie aus einem Team. Wir brauchen die Freiheit, uns zu melden, wenn wir denken, dass etwas wichtig ist. Und das Leben fühlt sich in Wirklichkeit sicherer an, wenn wir andere haben, die überprüfen, was wir machen, um sicherzustellen, dass wir erfolgreich sind. Leute zu haben, denen wir vertrauen können, dass sie was sagen, wenn wir uns verrennen, ist eine überraschende Erleichterung, wenn es mit Großzügigkeit gemacht wird statt mit Haarspalterei. Das fühlt sich dann wie Unterstützung an. Und wir alle brauchen verlässliche Menschen, die uns frei sagen können, wenn wir falsch liegen. Diese Leute werden keine Fremden sein, sondern Leute aus unserem Team, die verstehen, wie man sich innerhalb unserer Kultur von Sicherheit verhält.
Wachsende Kultur
So eine neue innere Kultur passiert nicht über Nacht. Es braucht Anteile, die eine Entscheidung dafür treffen und damit anfangen, andere Anteile auf diese Art zu behandeln, ohne dabei einzufordern, auch so behandelt zu werden. In meinem System hat ein Anteil ausgereicht, die das durchgezogen hat und das hat mit der Zeit die anderen überzeugt. Eine Zeit lang gibt es dann Anteile, die beim Projekt psychologische Sicherheit mitmachen und andere, die es nicht tun und das ist ok so. Wir behandeln die anderen mit den Werkzeugen unserer neuen Kultur und sie können ihre Werkzeuge verwenden, so lange sie wollen. Die Einladung, bei uns mitzumachen, steht. Sie können sich Zeit lassen. Es gibt da keinen Zwang. Nur ein Angebot, dazuzugehören und in einem coolen Team zusammen zu arbeiten, wo Leute neue Sachen lernen, ohne unmöglichen Druck oder Angst. Es gibt keinen Trick dabei. Es ist einfach eine andere innere Kultur, die anders funktioniert, als das, was wir kennen. Das ist ein bisschen als würden wir nach England ziehen und da fährt man auf der anderen Straßenseite. Das ist am Anfang ungewohnt, aber es ist kein Trick. Nur andere Regeln. Man macht das da einfach anders und wir machen jetzt auch was anders.
Wir beginnen mit einem Samenkorn, mit einer Idee. Wir wissen noch nicht, wie das geht. Wir gehen in den Prozess hinein als Lernende, mit gutem Willen und mit Großzügigkeit. Und dann lernen wir, wie man das macht, eine Situation nach der anderen und indem wir vorwärts versagen. Mit der Zeit werden wir besser darin, uns nicht bei alten Mustern zu bedienen, um Situationen zu manangen. Wir ziehen uns unsere eigenen Muster groß, die unterstützend sind und ein Gefühl von Zugehörigkeit erschaffen.
Community
Mit einer eigenen inneren Kultur von psychologischer Sicherheit, fällt uns eher auf, wie wenig psychologische Sicherheit in vielen Spaces in der äußeren Welt existiert. Dann merken wir, dass viele der Diskurse online nicht gutwillig, großzügig oder unterstützend sind und wo es Versuche gibt, andere zu demütigen oder ihnen was abzusprechen. Das ist nicht sicher. Wir fühlen uns vielleicht geneigt, da mit einzusteigen und es besser zu wissen als alle anderen, wenn wir in ständigen Hyperarousal sind, weil uns das einen Krieg gibt, den wir kämpfen können, aber das macht nicht gesund oder glücklich. Findet die sicheren Spaces. Orte, wo man einfach nur Mensch sein darf und Dinge auch nicht wissen darf. Orte, wo Menschen gemeinsam lernen. Da findet man echte Gemeinschaft.
