Es gibt Wege, wie unsere traumatischen Verletzungen mit der Therapie oder der Persönlichkeit unserer Ts interagieren können und das zu schwierigen oder sogar schädlichen Situationen für uns führt. Ts erwarten das nicht immer, weil ihre nicht-traumatisierten Patient*innen diese Muster nicht haben und ihnen ist vielleicht nicht klar, dass wir die eben haben. Wir schauen uns ein paar Themen an, die für beide Seiten schwer zu navigieren sein könnten und was helfen könnte.
Kontrolle über den Behandlungsplan
Alle Ts sollten einen Behandlungsplan schreiben. Das ist ein Dokument, das unsere aktuelle Situation und Symptome beschreibt, was für Ressourcen, Kompetenzen und Ziele wir haben und wie Ts planen, an die Probleme ranzugehen. Das wird kein perfekter Plan sein, aber das dient in der Therapie dazu, sich nicht zu verlaufen. Ts, die nicht wissen, wie man einen Behandlungsplan bei DIS macht, finden Infos dazu in ‘Die Behandlung trauma-bedingter Dissoziation‘ (Steele, Boon, van der Hart).
Die meisten Patient*innen wissen nicht mal, dass sowas wie ein Behandlungsplan existiert. Sie wurden nicht vernünftig bei der Erstellung eingebunden. Wenn es ganz blöd kommt, haben Ts einfach alleine festgelegt, was die Ziele der Therapie sind (meist sowas wie Symptomreduktion, weil es offensichtlich ist, nicht weil sie gefragt hätten). Wir als Trauma Patient*innen brauchen mehr aktive Beteiligung bei der Formulierung des Behandlungsplans. Wir brauchen gut-informierten Konsens, wenn es um die Therapieziele und die verwendeten Werkzeuge geht. Sonst driften wir vielleicht in Unterwerfung, Beschwichtigung oder Passivität. Therapie wird an uns ausgeübt. Jemand anderes entscheidet über unseren Weg. Das ist das Gegenteil von Selbstwirksamkeit. Es braucht ein bisschen mehr Zeit, den Behandlungsplan genau durchzusprechen, aber das Ergebnis ist, dass wir als Patient*innen mehr aktiv investiert und motiviert sind und weniger verwirrt oder ängstlich, dass irgendetwas gegen unseren Willen an uns ausprobiert wird. Wir werden mehr Teil unserer eigenen Therapie, statt sie über uns ergehen zu lassen. Sowohl wir als auch unsere Ts kennen die Landkarte, die wir benutzen wollen. Jeder Schritt der Reise, der nicht unsere informierte Zustimmung hat, ist einer, der Probleme erschafft, wenn wir mit blindem Vertrauen unseren Ts folgen sollen und riskieren, zu Schaden zu kommen, weil unsere Ts was übersehen, weil wir nicht drüber kommuniziert hatten. Blindes Vertrauen ist jetzt nicht direkt eine Eigenschaft, die viele Trauma Patient*innen mit in die Therapie bringen. Und sollte es auch nicht sein.
Vernünftige Kooperation schafft Sicherheit für beide Seiten. Wir als Patient*innen brauchen immer noch die Expertise und Anleitung, die Ts bieten können. Wir können unseren Behandlungsplan nicht alleine schreiben. Aber das Empowerment, etwas zu unserem Behandlungsplan beizutragen, wirkt therapeutisch. In dem Prozess stärken wir nicht nur die therapeutische Allianz, wir lernen auch gleich, dass wir eine aktive Rolle in unserer Recovery spielen. Es ist wertvoll, diese Arbeit gründlich zu machen und sich die Zeit dafür zu nehmen. Ts sollten nie in der Rolle sein, alleine über unseren Weg zu entscheiden. Durch das Machtgefälle wird das schnell missbräuchlich. Unser freier Wille spielt eine wichtige Rolle in unserer Recovery.
Symptom Reduktion
Symptom Reduktion ist ein klassisches Ziel in der Therapie. Aber in der Traumatherapie ist das nicht einfach zu erreichen. Wir als Patient*innen spüren vielleicht den Druck, Symptome reduzieren zu sollen, aber es geht nicht und dann gleiten wir in ein altes, unterwürfiges Muster und machen sie unsichtbar. Die Erfahrungen bleiben dann bestehen. Wir verstecken sie nur, damit es so aussieht, als wären sie weggegangen. Das führt zu stillem Leid und Hürden für ehrliche Kommunikation. Verstecken ist eine natürliche Reaktion, die wir als Traumapatient*innen haben, wenn wir einer Aufgabe in Wirklichkeit nicht gewachsen sind. Das ist nicht unsere Schuld. Manchmal bestehen Ts darauf, das Patient*innen Verträge unterschreiben, dass wir bestimmte Symptome nicht mehr zeigen werden, wie Selbstverletzung oder Dissoziation. Diese Verträge wirken super für den Seelenfrieden von Ts, die mit der Sicherheit leben, dass wir versprochen haben, die schlimmsten Sachen nicht zu machen. Es tut so gut wie nie etwas hilfreiches für uns als Patient*innen. So ein Vertrag ist eine offene Einladung, manche würden sagen Aufforderung, Symptome zu unterdrücken, statt sie aufzulösen. Manchmal basieren ganze Behandlungskonzepte auf Unterdrückung statt richtig zu helfen. DBT Skills werden von Trauma Patient*innen oft eher als Mittel von Symptomunterdrückung erlebt, wenn andere trauma-spezifische Fertigkeiten nicht gleichzeitig mit vermittelt werden. Dissoziative Patient*innen sind Profis im Unterdrücken. Das hält nicht langfristig und irgendwann stehen wir wieder vor den selben Problemen. Das Ziel kann nicht Symptom Reduktion heißen, wenn schon ein Muster besteht, Symptome zu unterdrücken und Probleme zu maskieren. Das wäre das Ende unseres Fortschritts.
Ich selbst bevorzuge den Begriff aktives Symptom Management. Das beschreibt besser die Erwartungen an die Stabilisierungsphase. Es ist eher unwahrscheinlich, dass wir vor dem Trauma Prozessieren besonders viele Symptome komplett loswerden können. Bis die Trigger aus dem Weg sind, konzentrieren wir uns darauf, gut aktiv mit dem umzugehen, was mit uns passiert und richtig gut darin zu werden. Es ist wenig realistisch, die Anzahl von Symptomen vor der Trauma Arbeit signifikant zu reduzieren, aber der Umgang damit kann so gut werden, dass die Menge von Stress und Leid dabei deutlich reduziert wird. Leiden reduzieren ist ein besseres Ziel als Symptome zu reduzieren. Ts müssen extrem vorsichtig sein, nicht die Art von Druck auf uns auszuüben, die zum Maskieren führt. Anzeichen, dass in der Therapie kein Platz ist für echte Probleme, kann zum Rückzug führen. Wenn wir erst mal unfähig sind, echtes Leid, Gedanken oder Gefühle zu teilen, weil wir erwarten, dafür subtil bestraft, kontrolliert oder vermieden zu werden, steht unsere Therapie am Abgrund. Es braucht Raum, real zu sein und Raum, mit Symptomen offen zu ringen. Auch wenn sich das für Ts ungemütlich anfühlt, weil das Ringen bei Trauma so intensiv sein kann. Symptome tatsächlich reduziert zu kriegen, ist für beide Seiten harte Arbeit. Es ist nicht damit getan, uns zu erklären, welches Symptom wir als nächstes kontrollieren müssen. Das kann sonst nah ran kommen an Dinge, die Täter getan haben, um unser Verhalten so zu formen, wie es für sie gepasst hat. Wir können bei uns selber die Impulse bemerken, Symptome zu maskieren, und wenn es nicht möglich ist, das in Therapie sinnvoll anzusprechen, brauchen wir vielleicht andere Therapie. Mehr Kontrolle einzusetzen, ist keine echte Symptom Reduktion.
Ts können uns helfen, indem sie transparent machen, welche Erwartungen sie an ein Werkzeug haben, das sie uns beibringen. Auch schon nur zu wissen, dass ein Werkzeug nicht wirken könnte oder statistisch bei einer bestimmten Anzahl von Patient*innen nicht wirkt, kann uns die Freiheit eröffnen, zuzugeben, wenn etwas für uns nichts bringt. Ein regelmäßiger offener Austausch darüber, was wirkt und was nicht wirkt, gibt uns die implizite Erlaubnis zu sagen, dass etwas nicht wirkt. Wir wissen vielleicht nicht, dass wir das sagen dürfen, wenn man uns nicht mit der Erwartung fragt, dass es normal ist, wenn was nicht klappt. Den vorauseilenden Gehorsam, Erwartungen zu erfüllen, kann man bändigen, indem man die Erwartungen anders kommuniziert.
(Anmerkung: Es gibt viele Situationen, wo das Maskieren von Symptomen gesund und angemessen ist. Nicht jede Situation im Leben ist sicher, um da symptomatisch zu sein. Therapie sollte allerdings so ein sicherer Raum sein.)
Exposition
Die Arbeit mit traumatischen Erinnerungen kann zu einer Extremerfahrung werden, die wir mit unseren Ts teilen. Intensive Treatment Programme, harte Konfrontationstechniken und starke Abreaktionen können eine Trance-ähnliche Welt von Überleben hervorbringen, in die wir uns zusammen mit unseren Ts verwickeln. In der Reaktion darauf entsteht vielleicht Trauma Bonding mit unseren Ts. Das hohe Maß an Leid gemischt mit dem Gefühl, dass das alles unausweichlich so sein muss, einer Person, die dabei nah bei uns ist und sich manchmal positiv einbringt, sind wie ein Rezept für Trauma Bonding. Vielleicht merken wir vor der Trauma Arbeit eine Aufregung, die sich mehr fiebrig anfühlt als besorgt und vielleicht sogar etwas euphorisch. Möglicherweise merken wir auch, dass die einzige Zeit, wo wir uns wirklich eng verbunden fühlen, ist, wenn wir uns mit unseren Ts zusammen schlimme Erfahrungen anschauen und das motiviert uns, unnötig häufig schlimme Dinge vorzubringen.
So ein Trance-artiges Erleben kann unsere Ts mit einschließen, die dann mitmachen beim fiebrigen Trauma Aufsuchen, wo sie sich zu zunehmend intensiven und leidvollen Konfrontationen hinreißen lassen. Ts erleben vielleicht ein Hochgefühl bei der Anwendung harscher Expositionswerkzeuge, in dem Glauben, dass viel auch viel hilft, und übersehen dabei, dass Patient*innen dabei verletzt oder sogar retraumatisiert werden. Es kann zu einem Verlust von gesunder Intuition und Sensibilität für die Bedürfnisse der Patient*innen kommen und zu einem Gefühl von positiver Aufregung, wenn Dinge uns weh tun und wir offensichtlich sehr leiden. Das ist eine Dynamik, die aus wohlmeinenden TraumaTs harte und gnadenlose Expositions-Expert*innen macht. Wir als Patient*innen fühlen uns vielleicht über Trauma Bonding mit ihnen verbunden und folgen ihrer Anleitung in dem guten Glauben, dass sie es am besten wissen. Erst Jahre nachdem diese Bindung überwunden ist, können wir möglicherweise zurückschauen auf das, was passiert ist und dabei erschrecken, weil wir nicht nur unfähig waren ‘Nein’ zu sagen, sondern hoch investiert waren in die Dynamik. Unsere Ts sind in einer missbräuchlichen Rolle gelandet und das alles ist im Rahmen von dem passiert, was man als normale Traumatherapie verstehen kann.
Ts müssen die Motivation fürs Trauma Prozessieren genau prüfen, ihre eigene und unsere. Wir als Patient*innen tun gut daran, nicht zu viel Trauma in zu kurzer Zeit anzuschauen, auf sanfte Verfahren zu bestehen, wo sie verfügbar sind und auf Pacing, wo sie es nicht sind. Sanfte Ansätze für die Konfrontation schonen auch Ts und schützen sie davor, sich so weit zu desensibilisieren, dass sie wichtige Fähigkeiten zur Empathie verlieren. Intensive Treatment Programme, die einen Wirbelsturm von täglichen Expositionen erschaffen, sind für uns nicht angemessen. Sie fördern die Trance-ähnlichen Survival Zustände. Traumaprozessieren kann sich sehr persönlich anfühlen, manchmal auch seltsam medizinisch, schwer, beängstigend, herzzerreißend, aber es sollte sich nie wie etwas anfühlen, was wir zusammen mit unseren Ts überleben. Der Beigeschmack von Survival ist ein Warnzeichen. Ich habe gute Erfahrungen damit, Trauma Prozessieren wie ein nötiges Übel zu behandeln, dass ich bevorzugt mit jemandem durchgehe, dem ich vertraue. Kein geteilter Rausch von Aufregung. So wenig Intensität wie möglich, während es immer noch tief genug geht, um an das Trauma auch richtig ranzukommen. Trauma Bonding führt zu Misshandlung, die sich für beide Seiten wie Verbundenheit anfühlt, während es passiert. Bitte passt auf und seid euch dieser Dynamik bewusst. Es ist eine der schädlichsten, die ich kenne.
Gemischte Situationen zurücklassen
Es gibt die Tendenz, in Situationen zu bleiben, wenn sie sehr gemischt sind. Manches daran ist hilfreich und wir wollen das Gute mitnehmen. Aber was anderes ist schädlich und wir merken das an unseren Zweifeln an dem, was passiert, weil unser Instinkt uns sagt, dass etwas schief läuft. Wir bleiben dann oft trotzdem, weil wir uns auf das Gute konzentrieren und wir akut keine anderen Optionen sehen, an was Gutes zu kommen. Ich möchte euch darin ermutigen, auf eure Zweifel zu hören, wenn die sich melden. Ihr habt sowas wie ein Bauchgefühl zu Dingen, die schlecht laufen. Ich kann mir nichts Positives in Therapie vorstellen, was es wert wäre, nebenher weiter verletzt zu werden. Therapie sollte nicht verletzen. Sie tut es doch manchmal aus Versehen und das ist tragisch. Aber das sollte nicht der Behandlungsansatz an sich sein, der uns das antut und Leid oder Trauma verstärkt. Ihr dürft gehen. Es ist möglich, etwas besseres zu finden als das.
[Dieser Artikel basiert auf eigenen Erfahrungen, Beobachtungen während Klinikzeiten und den Berichten von anderen Betroffenen.]
