Es gibt eine kleine Übung, die ich schon seit vielen Jahren nutze. Sie bietet eine echte und freie Wahl innerhalb eines sicheren Rahmens. Diese Wahl ist anders als double binds, die wir vielleicht erlebt haben, als wir aufgewachsen sind. Es gibt die Wahlmöglichkeit zwischen positiven oder neutralen Dingen und was ein Anteil wählt, bekommen sie auch wirklich und es ist positiv oder zumindest hilfreich. Als wir angefangen haben, uns mehr über freie Entscheidungen beizubringen, war es hilfreich, erst einmal 2 Optionen anzubieten, damit man sich nicht in den Möglichkeiten verliert. Magst du Schokolade oder Vanille? Das grüne Shirt oder das blaue Shirt? Das führt die Idee ein, dass es wichtig ist, wenn wir etwas wollen und einen Unterschied macht und dass wir es oft bekommen können, wenn wir unseren Willen ausdrücken, zumindest bei den kleineren Dingen, die in unserer Macht liegen.
Die Übung mit dem eigenen Willen kann sich schon sehr triggernd anfühlen. Ehrlich gesagt klappt sie vielleicht nicht, wenn es innerlich sofort Strafen dafür gibt, wenn man was Neues und Sicheres im Heute ausprobiert. Anteile können es so gewöhnt sein, dass jede Wahl nur ein double bind ist, dass sie sich gar nicht trauen, frei zu wählen. Das macht Wahlmöglichkeiten nicht zu einer schlechten Idee. Sie müssen nur sehr viel sanfter und weniger direkt angeboten werden oder in realen Lebenssituationen entdeckt werden und nicht über eine Übung. Das geht besser in Therapie als alleine.
Statistik und Vertrauen
Ein Element von Vertrauen ist Vorhersehbarkeit und die funktioniert im Grunde wie Statistik. Ist es statistisch wahrscheinlich, dass es ein positives Ergebnis geben wird, wenn ich das wähle, was ich lieber will? Gibt es eine verlässliche positive Reaktion? Um das herauszufinden, müssen wir kleine Risiken eingehen und bemerken, wie das Ergebnis ist. Mit der Zeit entwickelt sich aus der Kombination von Vorhersehbarkeit, Verlässlichkeit und wiederholtem Austausch etwas Vertrauen in die Person, die uns das anbietet und das bedeutet, wir bauen etwas Vertrauen auf mit anderen Anteilen von uns. Das ist eine Gelegenheit für Heilung, die in den Fundamenten unseres Systems stattfinden kann. In manchen unserer inneren Beziehungen ist unser Wille etwas wert, macht einen Unterschied, und unsere Entscheidungen auch. Es kann sehr lange dauern, aber ein inneres Wertesystem, das Anteile auf diese Art respektiert und dann langsam die Wahlmöglichkeiten ausweitet, je nach persönlichen Fähigkeiten, bringt uns auf den Weg dahin, zumindest einer Person auf der Welt zu vertrauen.
Auswirkungen im äußeren Leben
Die Wahlsituation, die wir anbieten, steht in der Regel in Verbindung mit der äußeren Welt. Wir als System leben nicht nur in einer inneren Welt. Wir haben ein äußeres Leben, das interessant und neu sein kann. Haben Anteile erst mal gelernt, dass sie ihren Willen ausdrücken können und jemand zuhört, fangen sie auch damit an, ihn öfter auszudrücken, wenn sie nicht dazu aufgefordert wurden, etwas zu wählen. Sie sagen uns dann einfach, was sie wollen. Das sind kostbare Momente und unsere Reaktion darauf ist wichtig.
Wir müssen diesen Wunsch immer an der Situation messen, in der wir sind und die Konsequenzen bedenken. Manchmal kann man das einfach machen. Und manchmal müssen wir die Situation und die Konsequenzen des Wunsches gerade jetzt erklären und Anteile fragen, ob sie das immer noch wollen, wenn der Preis so hoch ist. Ehrlichkeit und Transparenz. Wir sind nicht diejenigen, die sie davon abhalten wollen, ihren Willen zu kriegen. Wir geben ihnen nur mehr Informationen, damit ihre Entscheidung besser informiert ist. Wir können auch weitere Optionen vorschlagen, die passen könnten und an die sie vielleicht gar nicht gedacht haben.
Respekt
Wann immer wir einen Ausdruck von Willen bemerken, sollten wir sehr aufmerksam werden und uns auf Respekt konzentrieren, bevor wir irgendwas anderes machen. Was gerade passiert ist, ist vielleicht das kostbarste, was wir haben. Ein Wille, der etwas will, ist der Ausdruck des Lebens in uns. Der Kern einer lebendigen Person, der nicht ganz zerstört werden kann. Selbst TäterInnen, die viel Zeit damit verbringen, unseren Willen künstlich zu unterdrücken, kriegen das nicht hin. Der Funke von Leben in uns, der uns am Leben erhält, drückt sich dadurch aus, etwas zu wollen.
Wir haben vielleicht ein Maß an Kontrolle über die Dinge gelernt, die wir ganz natürlich wollen, aber diese Kontrolle wäre gar nicht nötig, wenn es da keinen freien Willen gäbe, der weiter macht mit Wollen, egal was passiert. Das sind zwei unterschiedliche Dinge: Unsere eigene Kontrolle über unser Verlangen und Streben und das Verlangen und Streben an sich. Wenn das zweite auftaucht, dann behandeln wir es wie das kostbarste, was wir haben. Wir müssen dafür die Kontrolle nicht gleich loslassen. Aber wir bemerken, dass das unterschiedliche Dinge sind und dass der Funken unseres Willens nicht ausgegangen ist.
Der Wille von kontrollierenden Anteilen
Am Anfang sind die Anteile, die am lautesten ihren Willen ausdrücken, vielleicht diejenigen, die versuchen, uns zu kontrollierenden, durch Beschimpfungen, Drohungen oder gemeine Aussagen. Da gibt es einen Willen, der sich hinter dieser sehr offensichtlichen Ausdrucksform verbirgt. Es braucht ein tieferes Verständnis von der Lebensenergie, die solche Worte und Verhaltensweisen antreibt. Die ist meist sehr grundlegend, menschlich und verständlich. Sie wollen, dass das Leid aufhört oder es wohl möglich ganz vermeiden. Vielleicht wollen sie Bindung und das scheint der einzige Weg zu sein, gut genug zu sein für die einzigen Bindungspersonen, die sie kennen. Möglicherweise ringen die mit ihrem eigenen Gefühl von Machtlosigkeit und ja, da ist ein Wille zu kontrollieren dabei, aber der ist viel vager als die Kontrolle, die durchs Trauma erlernt wurde. Wenn einer dieser Anteile eine Forderung stellt, ist es weise, tiefer zu schauen, um die Quelle ihres Willens zu finden. In dieser Quelle finden wir etwas, womit wir arbeiten können. Das Ringen um Macht und Gehorsam findet an der Oberfläche statt und wird nicht zu Zufriedenheit oder einer Auflösung führen. Wenn wir den Willen finden, der sie antreibt zu handeln, legt das Trauma-bedingte Bedürfnisse frei, denen wir begegnen können, ohne uns in einen Machtkampf zu verwickeln.
Der Wille von Trauma-identifizierten Anteilen
Wir können erwarten, dass Anteile, die Trauma beinhalten, als erstes ein Verlangen nach Dingen ausdrücken, die Grundbedürfnisse befriedigen. Das ist eine gute Gelegenheit, um unsere Selbstfürsorge aufzubessern. Über die Zeit bemerken wir vielleicht, dass sie nicht grundlegend anders sind als kontrollierende Anteile. Sie drücken nur ihren Willen nach Bindung oder ihr Bedürfnis, sich nicht so machtlos zu fühlen, anders aus. Bei diesen Anteilen achten wir besonders darauf, dass die in der Gegenwart geerdet sind, wenn wir ihr Verlangen stillen. Stecken geblieben in einer endlosen Flashback-Schleife von unerfüllten Bedürfnissen, bemerken sie neue Erlebnisse und neue Fürsorge sonst vielleicht nicht. Anteile, die in so einer Welt aus Wiedererleben treiben, kommen eher nicht selbstständig auf die Idee, einen Wunsch in Reaktion auf die äußeren Umstände auszudrücken und wir können auf sie zukommen und ihnen helfen, zu bemerken, wenn etwas passiert, wonach sie sich sehnen.
Der Wille von ANPs
Es gibt etwas seltsam Dissoziatives an ANPs, das Bedürfnisse nicht spürt und auch gar nicht so wirklich über das Leben nachdenkt. Wir haben unsere Abläufe und versuchen überall reinzupassen und dabei nicht aufzufallen und wir reflektieren wahrscheinlich eher nicht regelmäßig über unser Verlangen und Streben im Leben. Was wollen wir eigentlich? Diese Frage kann uns leer und verwirrt zurücklassen. Leben wir isoliert, wird es sogar noch schwieriger, weil das unsere Zusammenstöße mit Menschen und Situationen reduziert, in denen wir bei uns Widerstand, Wut oder Leidenschaft für etwas bemerken können. Machen wir Pläne, sind sie oft kognitiv und nicht in Kontakt mit unserem inneren Erleben von Verlangen und Streben. Es kann sich verwirrend anfühlen, sich darüber bewusst zu werden, was für ein seltsam leerer Raum da in uns ist. Wir sollten wohl nicht mit Fragen anfangen wie ‘Was will ich mit meinem Leben anfangen?’, auch wenn das oft der Moment ist, wo es besonders auffällt, dass wir mit unserem Willenssystem gar nicht recht in Kontakt stehen. Vielleicht fangen wir mit den selben kleinen Fragen an, die wir anderen Anteilen anbieten. Schokolade oder Vanille? Und dann nehmen wir nicht das, was wir immer nehmen oder denken, was das beste wäre. Wir fühlen innerlich nach dem Leben in uns und verbinden uns mit uns selber für mehr Gewissheit. Das will ich heute. Es kann morgen anders sein. Das verbindet uns mit einem Gefühl von Real-Sein, das wir gar nicht so oft fühlen. Das ist ein Ausdruck von Personifikation. Wenn wir uns einen kleinen Moment nehmen, um nach unserem Willen zu forschen, stellen wir fest, dass wir Meinungen und Gemütszustände haben und nicht immer neutral sind.
Dem Impuls folgen
Ich weiß es nicht, vielleicht sind nicht alle Impulse ein Ausdruck von tieferem Verlangen und Streben, wo wir tatsächlich mit dem Funken von Leben in uns verbunden sind. Aber Impulse sind in jedem Fall ein wunderbarer Weg, um mit diesem Funken in Kontakt zu kommen. TäterInnen haben vielleicht versucht, impulsive Handlungen bei uns zu unterbinden und Therapien, die versuchen, uns Impulskontrolle beizubringen, sind dann wie Wasser in den Rhein tragen. ‘Verhaltensprobleme’ sind dann nicht die größten Probleme, die wir lösen müssen. Wir scheißen mal kurz auf alle Bewertung unseres Verhaltens. Das hier ist wichtiger. Wenn wir uns hinsetzen und mit dem inneren Funken verbinden, was ist der Impuls oder Wunsch, der hochkommt? Bewegung? Wärmere Kleidung? Wenn wir tiefer gehen als gelerntes Verhalten und auf den echten Impuls schauen, was wollen wir genau jetzt genau hier? Tut das (wenn es nicht lebensgefährlich ist). Manchmal kann es sogar ein Schritt vorwärts sein, uns schlechtes Coping zu erlauben, weil wir ein echtes Verlangen nach Regulation spüren, auch wenn Ts das nicht toll finden, wenn sie auf kleinere Probleme konzentriert sind. Wir können immer noch einfachere Wege lernen, zu bekommen, wonach wir streben, aber ohne jedes Gespür für den Funken in uns, der etwas will, werden wir uns nicht lebendig oder frei fühlen. Und das kann wirklich das viel größere Problem darstellen.
Wir, die Welt und wir in der Welt
Dem Ausdruck vom Leben in uns und dem was es heute will zu folgen, führt zu einem neuen Bewusstsein für die Welt und uns selbst in dieser Welt. Wir können Dinge spüren und Dinge wollen und wir können sie auch bekommen und das macht einen Unterschied. Einen wichtigen. Wir haben eine Auswirkung, unsere Entscheidungen machen einen Unterschied und was wir wollen, kann real werden. Was wir uns trauen zu wollen, wird mit der Zeit größer und so erweitern wir unseren Kreis des Vertrauens. Wir starten vielleicht bei uns selbst oder in Therapie und bemerken dann, dass andere Leute auch zuverlässig sind in der Art, wie sie auf den Ausdruck unseres Willens reagieren. Manchmal erweisen sich sogar soziale Systeme als verlässlich, weil es Gesetze gibt und das gar nicht in der Willkür einer einzelnen Person liegt. Wir haben Rechte. Rechte beschützen unseren Willen und unsere Freiheit gegen andere, die was anderes wollen. Die Welt um uns herum kann größer werden, wenn wir bemerken, dass wir einen Einfluss auf unsere Umgebung haben. Es ist wichtig. Unsere Entscheidungen und der Ausdruck unseres Willens macht heute einen Unterschied. Nicht alles und jeder ist vertrauenswürdig, aber manches schon.
Macht
In der neuen Welt heute kommen wir manchmal in Situationen, wo wir etwas wollen und wir damit auf einen Widerstand stoßen. Andere wollen was anderes. Unsere Trauma Erfahrung sagt uns dann, dass wir uns zurückziehen sollten und anderen ihren Willen lassen. Vielleicht bemerken wir ein altes Muster von Unterwerfung, das aktiviert wird. In Situationen, wo es keine Regeln gibt und es Menschen überlassen ist, haben wir eine Stimme. Wir haben ein gewisses Maß an Einfluss. Das kann manchmal genug sein, um unseren Willen durch einen sozialen Prozess von Entscheidungsfindung innerhalb der Beziehungen in der Gruppe zu bringen. Im Freundeskreis überzeugen wir die anderen vielleicht, ein Restaurant zu probieren, das wir mögen, statt deren Lieblingslokal. In der Fürsprache und politischen Arbeit bringen wir vielleicht einen Antrag durch einen gesellschaftlichen Prozess. Wir lernen, mit den Dingen, die uns wichtig sind, ein Zeichen zu setzen, selbst wenn das anderen nicht so wichtig ist. Und so fühlt es sich an, machtvoll zu sein. Nicht in der verdrehten Art, die Täter fühlen, wenn sie anderen ihren Willen aufzwingen. Wir haben einen ehrlichen Einfluss auf andere, der deren eigenen freien Willen und Entscheidungen nicht klein machen muss, sondern sie für unsere Ziele gewinnt.
Anteile, die nur Täterstrategien kennen, werden überrascht sein, dass es Wege gibt, um manchmal zu bekommen, was man möchte, ganz ohne Tricks und Druck. Da ist Leben in der neuen Art auszudrücken, was wir wollen. Das inspiriert statt andere zu reduzieren. Selbst wenn andere etwas anderes wollen, bleibt der Respekt für ihren freien Willen erhalten. Der muss nicht entfernt werden, damit es funktioniert. Wir werden nicht immer unseren Willen kriegen, das wäre auch ein Anzeichen von Problemen in unseren sozialen Beziehungen, aber es fühlt sich gut an zu spüren, dass wir grundsätzlich die Macht haben, Dinge zu beeinflussen. Und wir brauchen keine Gewalt dafür.
Es wäre einfältig zu sagen, dass das ein schneller oder einfacher Weg ist. Therapie ist oft so beschäftigt damit, Menschen zum Funktionieren zu bringen oder ungewolltes Verhalten zu eliminieren, dass das Thema unseres Willens dabei seine zentrale Rolle verliert. Verhaltens-fokussierte Therapien können manchmal leblos sein. Wenn das Funktionieren höher geschätzt wird als das Mensch-Sein, haben wir ein Problem. Vielleicht hat unsere ganze Gesellschaft dann eins. Uns wieder mit unserem Willen zu verbinden, verbindet uns auch mit unserem Gefühl davon, lebendig und menschlich zu sein. Die Entdeckung unseres freien Willens wird zu einer Entdeckung davon, wer wir sind, unserer Identität jenseits von erlebter Gewalt. Weil ‘die’ uns nicht für immer kontrollieren können und wir für uns selbst weiter machen und nach unserem Willen leben.
[In diesem Artikel verwende ich die Worte Willen, Verlangen, Streben, Bedürfnis und Leben fast austauschbar. Das ist eine spezifische Perspektive, die in dem Gedanken verwurzelt ist, dass Handlungssysteme die Motivation des Lebens in uns widerspiegeln, die sich darin ausdrückt, diese Handlungen zu wollen. Ich empfinde es als hilfreich, über das Leben als etwas in uns zu denken, das etwas will. Das bietet eine neue Richtung für Therapie, die Vertrauen in uns und andere fördert und die, so glaube ich zumindest, das Problem überwinden kann, was chronisch traumatisierte Menschen oft mit Verhaltens-fokussierten Therapien haben (Kontrolle von Lebensenergie/Willen statt Integration und Auflösung). Diese Perspektive ist ausgeliehen aus der Enaktiven Traumatherapie (Nijenhuis) und die Gedanken dazu sind meine eigenen.]
