Bei der DIS Therapie wird von verschiedenen ‘Phobien’ ausgegangen, die überwunden werden sollten, um heiler zu werden. Die Phobie vor dem inneren Erleben ist dabei in der ersten Phase der Therapie, der Stabilisierung, zentral und nimmt insgesamt in der Therapie einen großen Raum ein.
Was ist dieses ‘Innere Erleben‘
Manchmal wird das auch ‘mentale Handlungen’ genannt und davon ist man auch nicht so viel schlauer. Gemeint sind Erfahrungen, die sich in uns abspielen. Das umfasst Erfahrungen mit unserem Verstand wie Gedanken, Überzeugungen, Vorhersagen, Erinnerungen, Träume und Hoffnungen etc. Alle Gefühle gehören zum inneren Erleben und auch unsere Körperwahrnehmung und Sinneswahrnehmung. Auch Sachen wie unser Wille und die Handlungsimpulse, unsere Wertevorstellungen, Bedürfnisse und unser Gefühl von uns selbst in verschiedenen Situationen gehört dazu.
Zusätzlich zu dem normalen Set von inneren Erfahrungen, haben wir auch welche, die eine direkte Folge der Traumatisierung sind. In der englischen Literatur werden Emotionen mit Traumabezug als ‘vehement‘ benannt und das bedeutet nicht einfach nur heftige oder besonders intensive Gefühle. Das beschreibt überwältigende Gefühle mit einen Beigeschmack von Überlebenskampf und Trauma und heute würden wir das vielleicht als Emotionale Flashbacks einordnen. Zusätzlich zu normalen Erinnerungen haben wir auch Trauma Erinnerungen und Flashbacks. Manche unserer Überzeugungen sind so sehr durchs Trauma verstärkt, dass man mit normalen kognitiven Ansätzen gar nicht daran arbeiten kann und einen Trauma Ansatz braucht. Wir haben vielleicht zu viel oder zu wenig Körperwahrnehmungen für unser heutiges Leben. Und neben einer einfachen Wahrnehmung von uns selbst haben wie vielleicht das innere Erleben von mehreren Selbsts.
Die Phobie vor anderen Anteilen und die Phobie vor traumatischen Erinnerungen werden traditionell getrennt von anderem inneren Erleben behandelt, obwohl sie theoretisch dazugehören. Es wird zu verwirrend, wenn man versucht, alles auf einmal zu lösen. Einen logischen Schritt nach dem anderen zu gehen, hilft uns mit späteren Herausforderungen. Wir müssen bei Stresszuständen und der überwältigenden Emotion anfangen, weil wir dafür geeignete Strategien brauchen, bevor wir viel mit inneren Anteilen arbeiten. Ohne Regulations-Fertigkeiten kommen wir nicht weiter.
Normales und Trauma-bedingtes inneres Erleben
Vielleicht haben wir keine Ahnung von innerem Erleben, das auf einen normalen Level stattfindet, weil das unter Trauma Reaktionen vergraben ist. Aber die gibt es, sogar bei uns, und sie sind meistens hilfreich. Ein Bewusstsein für unser Körpergefühl hilft bei der Selbstfürsorge. Emotionen sind gut darin, uns zu zeigen, wo unsere Grenzen sind oder was uns wirklich wichtig ist. Die Summe unserer inneren Erfahrungen führt zu mehr Lebendigkeit. Nicht immer angenehm, aber definitiv am Leben.
Normales inneres Erleben mag in der Therapie sehr lange kein Thema sein. Wenn es passiert, triggert das gleich traumatisches inneres Erleben und das neigt dazu, alles zu vereinnahmen und zu überdecken, was ruhiger und gemäßigter wäre. Dass wir jetzt so extrem wahrnehmen, bedeutet nicht, dass wir keine normalen inneren Erfahrungen haben und ist auch kein Grund sich zu schämen. Das ist bei Trauma normal. Das passiert allen Traumatisierten auf die eine oder andere Weise.
Weil normales inneres Erleben die Trauma Erfahrungen triggern kann, ist es oft nützlich zu prüfen, wie viel von unserem inneren Erleben sich der Gegenwart zuordnen lässt und wie viel der Vergangenheit. Eine schnelle Art das zu tun geht mit Prozentsätzen, aber wir können uns auch Zeit nehmen, die Qualität der Erfahrung genauer auseinander zu halten. Schon zu wissen, dass ein Teil der Erfahrung im Trauma entspringt, hilft, mehr den Kopf zu behalten. Es liegt nicht nur an der aktuellen Situation. Also müssen wir es auch nicht in dieser Situation lösen. Alte Probleme in neuen Situationen lösen zu wollen, kann zu Verzweiflung führen. Wir spüren tief in uns, dass das gelöst werden muss, aber wir nehmen den falschen Kontext dafür.
Merkmale von innerem Erleben mit Traumabezug
Inneres Erleben, das mit Trauma verknüpft ist, hat ein besonderes Gefühl dabei, eine spezielle Qualität. Das hat einen Beigeschmack von Bedrohung, Überlebenskampf und manchmal auch von Verhängnis. Verschiedene Arten von Stressreaktionen sind mit dem Erleben vermischt und wir nehmen eine gewisse Kampf- oder Flucht-, Erstarren- oder Aufgeben- Energie wahr, die das antreibt. Und auch wenn sich das am offensichtlichsten in unseren Emotionen zeigt, berührt das auch unsere Gedanken, die vielleicht panische Vorhersagen machen, was als nächstes passiert oder Bedürfnisse, die getriggert werden mit einer Erlebensqualität, die sich so anfühlt, als würden wir sterben, wenn wir nicht kriegen, was wir gerade brauchen. Diese Heftigkeit ist für die Menschen um uns herum ungewöhnlich, aber wir kennen uns selbst vielleicht nur in wechselnden Muster von dieser Trauma Aktivierung und Taubheit. Das Muster an sich ist nicht borderline, das ist einfach nur ein typisches Trauma Muster. Wir werden das auch in Anteilen sehen. Manche erleben eine Aktivierung, während andere eine Deaktivierung erleben. Gedanken können auch in Aussichtslosigkeit feststecken und Bedürfnisse ganz aus dem Bewusstsein verschwinden. Es ist nützlich zu verstehen, welche Anteile eher explosives inneres Erleben haben und welche weniger als normal spüren. Das braucht andere Ansätze. Was die meisten Anteile gemeinsam haben, ist dass sie an das normale Level von Intensität nicht rankommen und es wird eine langfristige Aufgabe, diese Erfahrungen jenseits der Trauma Reaktionen zu entdecken.
Es ist die Regel, eine Angst vor dem inneren Erleben zu entwickeln, weil das immer gleich so überwältigend ist, weil da das Trauma mit reingemischt ist. Das wirkliche Problem ist hier nicht das innere Erleben, sonder die Überforderung. Es ist natürlich und gesund, vor so einer Überwältigung Angst zu haben. So entstehen traumatische Verletzungen und Retraumatisierung. Hätten wir die Möglichkeit, das in Sicherheit und in einer gut gehaltenen Art zu erleben, wäre das immer noch richtig schwer, aber nicht mehr so unglaublich beängstigend. Wir nehmen also die Überforderung/Überwältigung als Kernziel unsere Projektes, die Phobie vor dem inneren Erleben zu bewältigen. Das ist meine persönliche Erfahrung: gesunde Dinge kommen zum Vorschein, wenn die Trauma Symptome runter gehen. Wir sind nicht bis in den Kern kaputt. Unter einer dicken Schicht von Trauma liegen noch die natürlichen Fähigkeiten zu gesunden inneren Erfahrungen. Wir hatten nur einfach noch nicht die Chance das zu erleben.
Kapazität beschreibt unsere Fähigkeit, uns zu regulieren, wenn wir gestresst werden. Es ist ok, gestresst zu werden. Können wir dann noch damit umgehen oder werden wir davon überwältigt? Die Erfahrung von Überflutung/Überforderung ist unser Anzeichen, dass wir zu diesem Zeitpunkt nicht genug Kapazität für die gesamte Erfahrung haben. Dann machen wir das kleiner, bis das zu unseren Fähigkeiten von Regulation passt. Titration beschreibt eine Technik der kleinen Schritte, die erst mal nur erlaubt, dass ein Tropfen der Erfahrung durchkommt, sodass wir damit umgehen können und dann ein weiterer Tropfen. Wir können nicht schneller vorgehen, weil wir sonst wieder in der Überflutung landen. Aber die kleinen Tropfen helfen uns, uns in unserem eigenen Tempo an die Erfahrung zu gewöhnen und so können wir mit der Zeit unsere Toleranz dafür aufbauen.
Das ist eine Technik, die wir benutzen, wenn wir mit Anteilen arbeiten, die noch nicht getriggert sind und die ein normales inneres Erleben erforschen wollen und auch mit Anteilen, die deaktiviert sind. Wir versuchen nicht, irgendwas zu aktivieren, was wäre wieder nur überwältigend. Kleine Schritte sind genug und der schnellste Weg.
Überwältigung managen
Es gibt keine Möglichkeit zu verhindern, dass inneres Erleben mit Traumabezug aktiviert wird. Wir können das probieren, aber es passiert trotzdem. Zur Erinnerung: Die Aktivierung ist nicht unser größtes Problem (auch wenn sich das so anfühlt), die Überwältigung unserer Regulationsfähigkeit ist es. Haben wir es mit so einer Überforderung zu tun, dann ist unser einziges Ziel, sie zu stoppen und einen Zustand zu finden, der sich wieder stabil anfühlt. Wir versuchen nicht, diese Situation für eine Lektion zu verwenden. Überforderung ist nicht der mentale Zustand, der es erlaubt, überhaupt etwas aus der Erfahrung zu lernen. Wir lernen, während wir Kapazität in einem kontrollierten Setting erhöhen. Wir stoppen Überwältigung, wann immer wir es mit Überwältigung zu tun haben. Das sind zwei unterschiedliche Prozesse, die wir nicht mischen.
Um die Überforderung zu stoppen, brauchen wir neue Techniken, wie man mit Trauma Erfahrungen umgeht. Niemand ist mit der Fähigkeit geboren, damit umzugehen. Manchmal treffe ich Menschen, die zum ersten mal eine richtige Stressreaktion hatten und die sind völlig schockiert von sich, weil sie so die Kontrolle verloren haben und nichts tun konnten. Das ist erst mal normal. Die gute Nachricht ist, dass es eine Menge von richtig guten Übungen und Tricks gibt, die wir ausprobieren können. Wir können dafür nach Trauma Ressourcen zum Symptom Management schauen und vielleicht auch mal spicken, was Leute machen, die andere Gründe für solche Überwältigungs-Erfahrungen haben und was die da so machen. Das kann zu einer Sammlung von Trauma-spezifischen, Körper-fokussierten, sensorischen und sehr allgemeinen Werkzeugen führen. Dieser Blog hat eine umfassende Sammlung von Artikeln, die bei überfordernden inneren Erfahrungen helfen. Ihr findet die in den Kapiteln zu Symptom Management, Stressregulation, Emotionsregulation, Ressourcen, Gedanken und mehr. Ich werde unten ein paar Artikel verlinken.
Vorschau: Normales inneres Erleben
Es wird eine Zeit kommen, wo wir nicht mehr so viel getriggert werden und das Leben stabiler und ruhiger ist und wir dazu kommen, normale Gefühle und andere normale innere Erfahrungen zu erleben. Sie haben nicht dieses Gefühl von Überlebenskampf dabei, aber sie können sich seltsam, neu und auch verdächtig anfühlen.Vielleicht haben wir keine Erinnerung daran, uns jemals so gefühlt zu haben. Und wir haben als Kinder nicht gelernt, wie man mit gesundem inneren Erleben umgeht. Das bringt uns zu einer spannenden und verwirrenden Phase, in der wir rausfinden, wie man als normaler/gesunder Mensch funktioniert. Das braucht auch Kapazität. Das wird anders sein, aber es ist immer noch ein Lernprozess, bis wir uns ganz natürlich regulieren können. Wir bemerken dann, dass wir unsere Traumawerkzeuge nicht mehr brauchen, weil sie schlicht overkill wären. Aber wir müssen noch die ruhigeren Fertigkeiten entwickeln und für uns normalisieren. Das wird ein Thema sein, dass wir uns genauer anschauen, wenn es um die Phobie vor dem normalen Leben und die Phobie vor Veränderung in der späten Phase der Behandlung geht.
Wo es anfängt:
Verstand
Wir brauchen unseren Verstand, um komplexes Erleben zu sortieren, darum werden am Anfang oft Reflexions-Fertigkeiten beigebracht.
- Inneres Erleben reflektieren
- äußere Realität reflektieren
- Innere und äußere Realität auseinanderhalten
- aus der Distanz beobachten
Es ist auch wertvoll zu lernen, dass inneres Erleben nicht das gleiche ist wie eine Handlung. Wir können viel denken oder fühlen, ohne dass das je einen Effekt auf unsere Umwelt oder andere Menschen hat.
Fertigkeiten zu reflektieren und zu beobachten sind die Grundlage für andere Strategien.
Stressreaktionen
Wir regulieren immer die Stressreaktion, bevor wir versuchen eine Emotion zu regulieren, weil die Stressreaktion die Emotion aufheizt und es einfacher wird, wenn wir uns erst beruhigen.
- Flashbacks
- Hyperarousal Teil 1 und Teil 2
- Erstarren
- Shutdown
- Impuls nutzen
- Orientierung und Grounding
- Realitäts-Check
Emotionen
Die meisten getriggerten Reaktionen gehen zusammen mit der Stressreaktion runter. Wenn emotionale Flashbacks bestehen bleiben, können wir sowas probieren:
Körper
Weil der Körper Trauma ganz direkt erlebt hat, müssen wir sehr sanft und vorsichtig sein, wenn wir versuchen, die Körperverbindung zu verbessern.
Ihr findet Artikel zu Überzeugungen, Impulsen, spezifischen Emotionen und anderen spezifischen inneren Erfahrungen im Inhaltsverzeichnis. Es ist normal, dass es lange dauert, zu lernen, wie man mit all den verschiedenen inneren Erfahrungen umgeht. Das macht man nicht in einem Monat. Das braucht Zeit. Das wird auch das Fundament für alles, was noch kommt.
[Dieser Artikel verwendet Das verfolgte Selbst (Steele, Nijenhuis, van der Hart), Trauma-bedingte Dissoziation bewältigen (Steele, Boon, van der Hart), Standards aus der PTBS Behandlung und eigene Erfahrung.]
