Manchmal sind sich Anteile bei etwas 100% sicher und sie liegen falsch. Sie stecken in Erinnerungen einer Vergangenheit fest, die nicht mehr so passiert oder halten sich an alte Regeln, die nicht mehr gelten. Ihre nicht zu leugnende reale Erfahrung hat Überzeugungen geformt, die weiter bestehen, auch wenn das Leben sich verändert hat. Manchmal wird aus dem Wiedererinnern ein geschlossener Kreislauf von alten Erfahrungen, der es unmöglich macht, die äußere Realität zu bemerken. Nur die neuen Regeln oder die neue Realität zu erklären, dringt nicht zu ihnen durch. Ihre Überzeugungen werden von der Angst vor mehr Trauma verstärkt und es gibt für sie keine Realität außerhalb dieses Erlebens. Wenn wir Anteile nicht in Richtung Re-Orientierung anleiten können, müssen wir sie vielleicht erst verwirren.
Ist jemand absolut sicher, dass ihr Erleben real ist, dann ist es keine gute Strategie, diese Erfahrung anzugreifen, indem wir sie leugnen. Darauf würden wir selber auch nicht gut reagieren. Es braucht eine Strategie, die ihnen hilft, daran zu zweifeln, was real ist, um Re-Orientierung zu initiieren. Das Ziel ist, dass sie Dinge selber überprüfen und ihre Realität testen, damit sie selber erleben können, dass es sich verändert hat. Sie zu verwirren öffnet ein Fenster von Möglichkeit, damit so ein Realitäts-Check stattfinden kann. Es bringt die Option ein, dass die Dinge vielleicht nicht so sind, wie sie scheinen und dass es notwendig ist, zu untersuchen, was los ist. Lasst uns ein paar Strategien anschauen, wie man solche Verwirrung stiften kann.
Zustimmung
Stimmt einem Anteil zu, der es gewohnt ist, verurteilt zu werden und die eigene Perspektive verteidigen zu müssen. Ja, du hast recht. Wenn die Dinge wirklich so laufen, wie du das erwartest, dann machen deine Forderungen völlig Sinn. Ja, ich sehe, warum das gebraucht wird, wenn die Situation wirklich so ist, wie du das gerade erlebst. Deine Gedanken machen völlig Sinn in diesem Kontext. Ich bin auf deiner Seite. Wenn das wahr ist, sollten wir tun, was du sagst. Unerwartete Zustimmung hilft Anteilen, nicht so defensiv zu sein und sich unterstützt zu fühlen. Dann fügen wir die Frage hinzu: Aber ist es wahr? Passiert all das gerade wirklich? Wir müssen das prüfen, um sicher zu sein. Das ist nur die nötige Gründlichkeit. Und wenn der Anteil recht hat, machen wir, was sie sagen. Vielleicht haben sie recht und wir haben das Wissen darum in einer Amnesie verloren oder sie haben nicht recht und das Leben hat sich zumindest in einem bestimmten Maß geändert und wir müssen zusammen eine neue Strategie finden. Aber wir alle müssen das prüfen, um sicher zu sein. Das kann man auch nutzen, wenn eine gewisse Feindseligkeit zwischen Anteilen herrscht. Sie müssen uns nicht vertrauen. Sie können sich auf sich selbst verlassen, wenn sie prüfen, was wirklich los ist.
Weigerung zu verstehen
Manchmal teilen Anteile innere Realitäten, die sich seltsam anhören, weil sie so weit entfernt sind von der äußeren Realität. Es kann eine hilfreiche Strategie sein, unsere Unfähigkeit auszudrücken, ihnen folgen zu können, solange es sanft und mit Freundlichkeit passiert und nicht der überlegenen Überzeugung, alles besser zu wissen. Wir versuchen ihrer Geschichte zu folgen, während wir auch völlig geerdet in der äußeren Realität sind und zeigen uns ehrlich bedrückt, dass ihre Erklärungen für uns keinen Sinn machen. Könntest du das noch mal erklären, weil ich sehe hier um mich herum gerade xyz und ich weiß nicht, wie das zusammenpasst. Wie würdest du das erklären? Wir fügen vorsichtig Informationen aus der geerdeten Erfahrung hinzu und fragen mit Neugier, wie das im Kontext ihres Erlebens Sinn macht. Falls möglich teilen wir etwas von der geerdeten Erfahrung außen, damit sie auch Zugang dazu haben. Das führt sanft Informationen ein, die ihre Realität stören und die innere Geschichte verwirren. Wir versuchen dabei nur zu verstehen, wie das alles zusammenpasst und weigern uns, etwas zu akzeptieren, solange es nicht stimmig ist mit der geerdeten Perspektive. Unser Maß an Geduld und spürbarer Fürsorge dabei wird einen Einfluss darauf haben, wie gewillt Anteile sind, zu erklären und ihre eigene Geschichte neu zu schreiben mit den Informationen, die wir ihnen geben. Ich würde das nur mit Anteilen verwenden, die mich schon als fürsorglich und vertrauenswürdig erlebt haben.
Stör-Reize
Bei Anteilen, die in einer Erfahrung oder inneren Realität feststecken, könnte es hilfreich sein, Input hinzuzufügen, der innerhalb ihrer Erfahrung überhaupt keinen Sinn macht. Wenn ich in einem Erinnerungs-Raum feststecke und darauf warte, dass etwas furchtbares passiert, wo kommt dann der Geschmack von Cherry Cola her? Wenn ich wortwörtlich ein Kind bin, das von erschreckenden Bezugspersonen abhängig ist, wie bin ich an die coolen Acrylnägel gekommen? Das müssen keine extremen oder aversiven sensorischen Reize sein, um etwas in die geschlossene Welt des Anteils einzuschleusen, durch das sie bemerken, dass irgendwas nicht stimmt. Es muss nur anders sein und für sie interessant. Ich nehme manchmal Handpan Musik, weil das fremdartige Töne sind, die neugierig machen, woher die kommen. Etwas mit den Sinnen wahrzunehmen, was erst mal irritiert, aber interessant ist und nicht zur inneren Erfahrung passt, kann ein Schlüssel sein, damit sie sich für mehr von der äußeren Realität öffnen. Unsere Sinne verbinden uns mit der Außenwelt. Sie sind Zugangswege, die wir benutzen können, um Re-Orientierung zu initiieren.
Unmögliches beobachten
Wenn Anteile überzeugt von alten Regeln (und schrecklichen Konsequenzen) sind, oder dass bestimmte Sachen einfach unmöglich sind, positionieren wir uns so, dass wir beobachten können, wie andere Leute das ohne jede Auswirkungen machen. Wir werden dafür die Aufmerksamkeit von Anteilen auf die äußeren Geschehnisse ziehen und machen das vielleicht mit einem spielerischen Schock über das, was wir da sehen. Schau! Hast du das gesehen! Die haben das grad einfach gemacht! Und es passiert ihnen nichts! Manchmal können Ts so eine Rolle für uns spielen und sich ohne eine Sorge auf der Welt so verhalten, wie das zu TraumaZeit völlig unmöglich gewesen wäre.
Es braucht echte Zusammenarbeit, um selber etwas zu probieren, um zu sehen, dass nichts schlimmes passiert. Wenn wir Anteile nur kaputt ängstigen, werden sie sich nicht re-orientieren. Sie werden blind vor Angst und rutschen in Wiedererleben. Die Konsequenzen von Verhalten heute zu testen, kommt immer zusammen mit einer Erklärung. Hier ist niemand, der uns bestrafen würde, wenn wir es nicht selber machen. Halte dich bitte zurück damit, das selber zu machen, sodass wir sehen, ob doch jemand kommt und es stattdessen macht. Du wirst sehen, dass niemand kommt. Wenn wir es nicht selber machen, dann ist niemand hinter uns her, um uns zu bestrafen und wir müssen das gar nicht selber machen. Ich muss dabei oft an Die Gräber von Atuan denken, wenn die Protagonistin erkennt, dass die dunklen Götter tot sind und andere einfach so Fackeln anzünden in deren Tempel der Dunkelheit ohne die geringste Sorge von Strafe. Die Regeln sind nichts mehr wert. Niemand prüft das und es gibt keine Götter. Alle anderen gehorchen den Regeln schon lange nicht mehr und amüsieren sich vielleicht heimlich über die, die noch dran glauben. Es braucht die Verwirrung das zu sehen, um zu einer neuen Realisation und Überzeugung zu kommen.
Nicht angenehm
Verwirrung fühlt sich unangenehm an. Sie ist verwirrend. Das öffnet ein Fenster von Möglichkeiten, aber es ist für Anteile auch schwer, ihre Realität so in Frage zu stellen. Wir können Sicherheit anbieten durch unsere Beziehung mit ihnen oder durch sichere Erfahrungen heute. Manchmal ist der neue Input so aufregend, dass der Übergang davon einfacher gemacht wird. Aber die Verwirrung selbst ist hoch unangenehm, unsicher und verletzlich. Das ist in der Therapie für kPTBS keine empfohlene Technik, um Destabilisierung zu vermeiden. Bei DIS müssen wir manchmal etwas destabilisieren, wenn es komplett in der Vergangenheit feststeckt, um überhaupt Fortschritte machen zu können. Man kann lernen, Verwirrung als einen wichtigen mentalen Zustand anzunehmen, der Türen zu mehr Klarheit öffnen kann. Das Ziel ist dann gerade nicht, dass Anteile sich gut fühlen. Sie können geliebt und respektiert werden, während wir uns den Schwierigkeiten zusammen stellen. Es ist nötig, ihre steckengebliebene Erfahrung zu stören, um sie langfristig besser aufgestellt zu sehen, selbst wenn sich die Phase dazwischen nicht gut anfühlt.
Ts, die solche Techniken mit uns anwenden, können sich für uns unglaublich nervig anfühlen. Sie stören unsere Welt. Wir müssen sie in dem Moment nicht mögen. Wir folgen einfach ihrer Leitung, wenn sie uns verwirren, weil wir verstehen, dass es da etwas zu lernen gibt, das wir jetzt noch nicht greifen können. Es braucht unglaublich gute Intuition und Erfahrung, um Verwirrung in der richtigen Menge und mit dem richtigen Hebel einzusetzen. Ts die sich unsicher sind, sollten das nicht verwenden. Wenn es zu viel ist, kippt das ganz schnell in Abwehr und Verleugnung.
Was ich tue
Ich benutze Verwirrung regelmäßig in meiner inneren Arbeit und zwar als eine präzise und eng begrenzte Intervention. Ich benutze das nur, um Anteile zu destabilisieren, wo sie feststecken und unfähig sind, sich mit anderen Arten von Anleitung zu re-orientieren. Ich benutze das nur mit einem spezifischen Ziel und biete sofort Unterstützung dabei an, die Welt heute zu verstehen. Anteile sind nie alleine mit ihrer Verwirrung. Die müssen das nicht alles alleine rauskriegen, aber es ist ihr Wille, der den Antrieb liefert, das zu machen. Das ist eine nützliche und effektive Strategie, aber es ist keine einfache. Wir als Patient*innen profitieren davon, zu verstehen, wie es funktioniert, sodass wir unser Erleben einem ungewöhnlichen Werkzeug zuordnen können statt einem Bruch in der therapeutischen Beziehung. So ein Bruch entsteht sehr schnell, wenn Verwirrung falsch angewendet wird. Ich empfinde es so, dass es einen großen Unterschied macht, ob wir da mit einem Gefühl von Macht über die Realität rangehen oder mit dem demütigen Wunsch, einem Anteil langfristig aus der Verwirrung zu helfen und Freundlichkeit gegenüber verwirrten Anteilen. Es braucht die Bereitschaft sie aufzufangen, wenn sie ins Stolpern kommen, statt es ihnen zu überlassen, ihren eigenen Weg alleine zu finden. In seltenen Fällen kann das Gefühl von Verwirrung ein Trigger sein, weil Verwirrung eine oft übersehene Kern-Emotion bei Trauma ist. Das ist eines der anspruchsvolleren Werkzeuge, das ich nur verwende, wenn andere Strategien versagt haben und dass mit viel Sorgfalt angewendet werden muss. Verwirren ist nicht schwer, aber das danach schon.
Was ich nicht tue
[CN beschreibt eine Manipulations-Technik, die möglicherweise von organisierten Tätern angewendet wird]
Ich benutze keine hypnotherapeutischen Tricks, um Anteile mit Informationen zu überlasten und zu verwirren, um dann eine hypnotische Suggestion zu platzieren (eine Technik von Erickson). Es besteht die Möglichkeit, dass das Täterstrategien ähnelt. Betroffene berichten manchmal, dass Täter einen immensen sensorischen oder mentalen Overload verursachen mit dem Ziel, dass die Verwirrung ein Fenster von Einfluss öffnet, in dem sie Anteilen sagen, was sie denken sollen, wer sie sein sollen oder was sie tun sollen. Weil die Anteile so verwirrt sind, halten sie sich an jedem bisschen Information fest, das man ihnen gibt, um etwas Sicherheit zu finden. Das ist das Gegenteil von dem, was ich versuche zu erreichen. Ich brauche Anteile, die selber Initiative ergreifen, ihre eigenen Realitäts-Checks machen, selber lernen und Dinge selber wissen. Mein Ziel ist nie zu manipulieren, sondern nur eine Re-Orientierung anzustoßen, sodass sie Sachen selber sehen und erleben können. Selbst wohlgemeinte hypnotische Suggestionen sind hier fehl am Platz. Wenn ich mich um Orientierung und Grounding bemühe, versuche ich Trance Zustände aufzulösen, nicht sie herzustellen. Das würde auch die Autonomie der Anteile verletzen. Ihre Autonomie ist heilig in ihrem Prozess die Welt neu zu bewerten. Ich umgehe ihren bewussten Verstand nicht. Sie haben so viel Zeit, wie sie brauchen. Ich mache keinen Druck. Sie handeln immer nur, weil etwas ihre Aufmerksamkeit erweckt hat und dazu geführt hat, dass sie ihre innere Geschichte in Frage stellen. Sie entscheiden selbst, was sie damit machen. Hypnotische Verwirrungs-Techniken sind unglaublich spannend, aber nicht für diesen Zweck geeignet.
