In der DIS Therapie wollen wir meist, dass Anteile sich verändern. Wir möchten, dass sie orientierter werden, neues Wissen über die Welt heute sammeln und wir möchten, dass sie lernen, wie man in dieser neuen Welt lebt und handelt. Alte Verhaltensweisen, die zu TraumaZeit gehören, sind nicht mehr nützlich und kommen unseren gemeinsamen Zielen in die Quere. Es gibt viele kleine und große Veränderungen, die Anteilen helfen, zu heilen und sich sicherer und glücklicher zu fühlen.
Manchmal passieren solche Veränderungen einfach und natürlich. Und manchmal bemerken wir auch eine Art Widerstand im System. Die Veränderung von einem Anteil beeinflusst andere Anteile. Wir sind keine getrennten Wesen und wenn sich in einer Ecke des Systems etwas verändert, schlägt das Wellen, die von vielen Anteilen gespürt werden können. Veränderung betrifft das ganze System. Es ist keine Privatangelegenheit, die ein Anteil alleine tragen kann.
Aufgaben und Bedeutung
Die Art, wie bestimmte Anteile sich entwickelt haben und wer sie geworden sind, hatte für das alte System eine Bedeutung. Vielleicht haben sie eine bestimmte schwierige Emotion gehalten oder sich auf besonders schwierige Aufgaben spezialisiert. Ein Anteil, der zB alle Trauer getragen hat, kann beginnen, sie loszulassen und mehr Bewusstsein für schöne Sachen im Leben zu bekommen. Aber wo geht dann jetzt die Trauer hin? Analog dazu hat sich ein Anteil vielleicht auf die Rolle spezialisiert, der beschwichtigende Co-Regulator für einen gewalttätigen Elternteil zu sein, um diesen Kontakt zu managen. Wenn der Anteil aufhört zu beschwichtigen, was passiert dann in der Beziehung zum Elternteil? Was Anteile getan haben und wie sie es getan haben, hat oft ein Problem gelöst. Wenn wir aufhören, das Problem durch Dissoziation zu lösen, brauchen wir neue Strategien.
Funktionsmuster, alte und neue
Wahrscheinlich haben wir nie höhergradige Funktionsmuster entwickelt, um unser inneres und äußeres Leben zu machen, weil wir Anteile hatten, die manche der schwierigen Elemente übernommen haben und uns war nie richtig klar, dass es da ein altes Funktionsmuster gibt, das für unser neues und erwachsenes Leben nicht mehr ausreicht. Diese alten Muster werden sichtbar, wenn Anteile ihr Trauma verarbeiten, alte Verhaltensweisen und Rollen ablegen und wir dann plötzlich eine Spannung und Konflikte im System spüren. Wenn das alte Funktionsmuster nicht mehr wirkt, haben wir 2 Optionen: Wir können neue Strategie entwickeln, wie wir uns managen oder wir drängen den Anteil zurück in alte Verantwortlichkeiten. Es gibt am Anfang oft eine (unbewusste) Tendenz, das zweite zu tun und damit den Anteil in seiner Heilung und das ganze System in seiner Entwicklung zu behindern. Wir müssen uns gegenseitig die Erlaubnis geben, uns zu verändern.
Um neue Funktionsmuster zu schaffen, kommen wir zusammen und finden erst einmal raus, was heute angemessen wäre. Welcher Anteil könnte und sollte Verantwortung in diesem Bereich übernehmen? Wie können Dinge über mehr Anteile hinweg verteilt werden? Und wie involviert sollte der früher zuständige Anteil sein?
Balanceakt
Ein Anteil, der in etwas Nützlichem spezialisiert ist, muss das nicht immer aufhören. Sagen wir, jemand ist gut darin, das System morgens aus dem Bett zu kriegen. Das wichtigste, was sie lernen müssen, ist, dass es heute keine Bedrohung gibt, wegen der man das machen müsste. Die Konsequenzen, wenn man das nicht macht oder nicht schnell genug macht, sind sehr klein im Vergleich zu dem, wovor sie Angst haben. Wenn sie diesen Job spielerisch und mit Leichtigkeit machen können und wollen, gibt es keinen Grund, warum sie es nicht weiter machen könnten.
In Fällen, wo ein Anteil sich überfordert fühlt oder einen Druck zu funktionieren und alles am laufen zu halten wahrnimmt, sollten andere Anteile einschreiten und mehr Verantwortung übernehmen. Bleiben nach der Präsentifikation Gefühle mit Trauma Bezug bei einem verletzten Anteil, was eine Aufgabe angeht, dann sollten sie davon zurücktreten und anderen erlauben, zu helfen. Junge Anteile werden nie alleine gelassen mit Aufgaben, die ihnen Sorgen bereiten. Wenn jemand zu nervös ist und den Großen nicht vertraut, etwas richtig genug zu machen, können sie immer prüfen, ob die das auch machen und mit der Zeit etwas Vertrauen lernen, dass es auch ohne sie geht. Es gibt eine feine Balance dazwischen, einem Anteil eine schwere Belastung abzunehmen und etwas wegzunehmen, womit sie sich kompetent, schlau und selbstwirksam fühlen. Wir wollen keine wichtigen Ressourcen wegnehmen. Genaue Abmachungen müssen individuell ausgehandelt werden.
Neue Grenzen
Wir brauchen oft noch Zugang zu den Survival Funktionen, die ein Anteil trägt. Wenn wir zB jemanden haben, die länger durchhält als alle anderen, brauchen wir das wahrscheinlich ein paar mal im Jahr, wenn alles schief läuft und wir durchhalten müssen. Wir brauchen diese Fähigkeit nicht jeden Tag. Anteile sollten wissen, dass man ihre Fertigkeiten ab und zu mal brauchen könnte, aber nicht ständig, weil TraumaZeit vorbei ist. Unser neues Leben muss sich so weit verändern, dass das auch stimmt und wir nicht ständig nur Notfälle haben. Die Survival-Fertigkeit wird eine, die wir für schlechte Tage gut aufbewahren und Anteile können sich auch anders beschäftigen oder Pause machen, während das nicht gebraucht wird. Wenn es Anzeichen gibt, dass es ein bisschen schwieriger wird, ist es dann erst mal der Job von anderen Anteilen, die mit kleinerem Stress gut klarkommen, das zu managen. Survival Fertigkeiten kommen nur raus, wenn es auch um Survival geht. Das bedeutet auch, dass wir manchmal Anteilen Grenzen setzen müssen, die zu früh aktiv werden und üben, geschickter miteinander zu kooperieren. Diese neue Art zu funktionieren verlangt, dass andere Anteile sich mehr bemühen und diese Anteile nicht mit kleineren Herausforderungen alleine lassen, auf die sie dann übermäßig Survival Strategien anwenden. Es kann sich fremd und stressig anfühlen, Aufgaben zu übernehmen, die wir früher anders und ohne Mühe von unserer Seite gemanaged haben. Wir müssen diese Lücke trotzdem füllen und auch unser Verhalten anpassen, wo das nötig ist.
Es lohnt sich immer, eine Last von einem Anteil zu nehmen, der leidet. Sie haben schon zu lange zu viel getragen. Sie verdienen Veränderung. Es ist weise, dann damit zu rechnen, dass diese Veränderung auch eine Veränderung an anderen Stellen im System mit sich bringt. Wir stecken da zusammen drin. Es gibt keine Situation, wo ein Anteil alleine in Therapie ist oder nur ein Anteil für sich alleine heilt. Das ist mit ‘System’ gemeint.
Jemand neues werden
Manchmal heilen Anteile, ihr Leid löst sich und ihr Coping Verhalten verändert sich als Resultat davon und wir merken vielleicht, dass wir Dinge nicht mehr tun, die zu einem zentralen Teil unseres Selbstverständnisses als System geworden waren. Wenn der künstlerisch begabte Anteil aufhört, ständig zu zeichnen, weil Zeichnen ihnen zur Beruhigung gedient hatte und die nicht mehr gebraucht wird, kann das System sich dann noch Künstler*in nennen? Die Veränderungen, die mit der Trauma Verarbeitung kommen, können tief gehen und die Grundfesten davon verändern, wer wir denken, dass wir sind. Manchmal wechseln Menschen Jobs oder Partnerpersonen, weil die Kreise, die eine Veränderung schlägt, nicht innen bleiben, sondern das Leben um uns rum erreichen. Wir fragen uns dann vielleicht, ob wir je di*er Künstler*in waren, wenn es das Trauma war, was uns zum Zeichnen gebracht hat. Zeichnen, oder was immer es persönlich ist, kann dann später bewusst wieder aufgegriffen werden und es wird sich anders anfühlen. Und manchmal lassen wir auch etwas zurück, weil es seine Bedeutung für uns verloren hat. Nicht alle Veränderungen in Anteilen führen zu so großen Veränderungen, aber ganz manchmal hat es einen größeren Effekt und wir müssen unsere Lebensentscheidungen neu verhandeln. Das ist der Grund, warum ich mir zwischen unseren Trauma-Intervallen so viel Zeit lasse. Veränderung braucht Zeit, um integriert zu werden. Es kann manchmal eine lange und seltsame Aufgabe sein, uns selbst unter den Trauma-Reaktionen zu finden und uns ohne sie neu kennenzulernen.
Trauma Recovery sieht wie etwas aus. Sie bringt Veränderung. Es ist unmöglich vorherzusagen, welche Veränderung sie euch bringen wird. Nach einer Phase der Eingewöhnung, die sich herausfordernd anfühlen kann und auch traurig sein kann, entsteht gewöhnlich ein Gefühl von Freiheit, Frieden und Kohärenz. Und Kohärenz wird begleitet von einem überraschend großen Gefühl von Erleichterung.
