Wenn wir schon sehr lange in Traumatherapie sind, kann uns etwas seltsames passieren: Wir werden gut darin. Nachdem wir jahrelang an uns gearbeitet haben, haben wir Gewohnheiten entwickelt rund um das, was uns beim Symptom-Management, der Selbstregulation oder beim Trauma Prozessieren hilft. Vielleicht sind wir es gewöhnt, ständig unsere Körperempfindungen, Emotionen, Gedanken, Impulse und Verhaltensweisen zu tracken. Das brauchen wir, um Dysregulation, subtilere Flashbacks oder ungünstiges Copingverhalten zu bemerken. Mit DIS haben wir uns wahrscheinlich angewöhnt, unser Umfeld ständig genau zu beobachten und wir haben ein eigenes System dafür, Amnesien zu bemerken und wie wir rausfinden, was in der Zwischenzeit passiert ist. Wir prüfen uns selbst ständig, um zu sehen, was verändert oder verbessert werden müsste und zum Thema in unserer nächsten Therapiestunde werden sollte.
Wir brauchen das alles in unterschiedlichem Maß für eine erfolgreiche Traumatherapie. Es ist nur auch eine sehr künstliche Art, um unser inneres und äußeres Leben zu kontrollieren, die sich darauf konzentriert, Interventionen für Probleme anzubieten. Und je nach Trauma und eigener Persönlichkeit haben wir vielleicht schon einen Hintergrund von künstlicher Kontrolle über das, was wir tun oder Innen erleben. Es kommt eine Zeit im Heilungsprozess, wo künstliche Kontrolle und dieses hohe Level an Bewusstsein und Aufmerksamkeit für sich selbst, nicht mehr gebraucht wird. Wenn sich Symptome nach dem Trauma Prozessieren auflösen und das Leben stabil wird, ist es auch Zeit für uns, normaler und natürlicher zu werden.
Normale Menschen
Menschen haben nicht natürlicherweise so viel Bewusstsein für sich selbst. Sie reflektieren nicht ständig ihr Verhalten oder prüfen es doppelt. Insbesondere wenn wir als über-kontrolliert oder hoch-funktional gelten, werden wir erstaunt sein, zu bemerken, dass Leute nicht innehalten, ihre natürliche Reaktion zurückhalten, alles prüfen und es dann erst erlauben. Normale Menschen sind sehr viel impulsiver, emotionaler und ausdrucksstärker und gedankenloser als wir denken. Man hat an uns einen unglaublich hohen Maßstab angesetzt, weil wir eine psychische Diagnose haben und jedes Verhalten bei uns wie etwas behandelt wurde, was Behandlung braucht. Ohne die Symptome, die so einen Ansatz plausibel machen, werden wir bemerken, dass wir sehr viel mehr tun als nötig wäre und ‘normale’ Menschen sich sehr viel natürlicher verhalten. So fühlen sie sich lebendiger und wie sie selbst. Sie haben die ganzen Filter nicht, die wir uns angewöhnt haben. Wir werden ein glücklicheres Leben haben, wenn wir lernen, die krassesten Filter abzulegen und auch natürlicher zu werden. Es ist kein Symptom, etwas zu fühlen oder normale Impulse zu haben.
Wir selbst werden
Erinnert ihr euch, wie wir uns beigebracht haben, uns nicht zu sehr mit unserem Erleben zu identifizieren, damit wir uns und unsere Trauma-bedingten Reaktionen regulieren können? In der Integrations-Phase tun wir das Gegenteil. Wir robben uns vorsichtig ran an unsere Gefühle, Gedanken und Impulse. Nicht so sehr, dass sie beginnen, uns zu kontrollieren, aber so weit, dass sie sich anfühlen, wie wir selbst. Das sind wir mit dem Gefühl. Meine Wut – ich, die ich wütend bin – mit meinem ganzen Wesen und auf verschiedenen Erlebensebenen (Gefühl, Körpergefühl, Gedanken…). Das ist nicht nur etwas, das wir beobachten und analysieren. Das ist, wie wir jetzt gerade sind. Wir kommen zurück zu einer natürlichen Wahrnehmung und einem natürlichen Ausdruck unseres inneren Erlebens. Um das möglich zu machen, müssen wir wissen, dass wir das dürfen und das sogar so tun sollten. Unser Erleben ist, wer wir sind und nicht etwas, das wir untersuchen und umlenken. Die Fülle der inneren Erfahrungen zu sein, ist, wie wir uns völlig lebendig fühlen.
Versucht das nicht vor dem Trauma Prozessieren. Die Fülle eines traumatisierten inneren Erlebens fühlt sich zerstörerisch an und nicht wie etwas, womit man leben will. Das geht so nur, wenn wir zu einem normalen inneren Erleben zurück kommen, das wir natürlich als unseres adoptieren können.
Neue Ziele
In dieser späten Phase unserer Traumaheilung sind wir auf einer Reise, um uns selbst neu zu entdecken.
Körpergefühl
Wir lernen, auf unseren Körper und seine Signale zu hören und was die versuchen uns zu sagen. Das wird uns in Kontakt mit früher dissoziierten Funktionen bringen, wie Hunger, dem Bedürfnis nach Ausruhen (und nicht nur Pausen, wo wir andere Dinge tun) oder vielleicht das Müde werden, wenn es draußen dunkel wird. Uns an die natürlichen Signale unseres Körpers zu gewöhnen, fühlt sich am Anfang miserabel an. Sie nerven und es ist lästig, wie oft sie passieren. Zu lernen, wie wir auf unsere natürlichen Empfindungen von Bedürfnissen reagieren, indem wir natürlichen Impulsen folgen, um ihnen zu begegnen, macht unser Leben langfristig sehr viel einfacher. Wir müssen dann nicht ständig beobachten, tracken, planen und dran denken, was zu essen. Wir essen, wenn wir Hunger haben und können unserem Körper vertrauen, dass der uns sagt, wann er was braucht und wann wir aufhören können. Keine Protokolle mehr und keine verpassten Mahlzeiten. Es braucht einen Einsatz und der ist deutlich anders als der, den wir kennen, um Bedürfnissen zu begegnen, wenn sie zu natürlichen Wahrnehmungen werden. Unsere Aufmerksamkeit bewegt sich weg davon, das Bedürfnis überhaupt erst zu bemerken und dahin, regelmäßig und natürlich das zu machen, was sich richtig anfühlt. Wir legen die mechanische Behandlung von uns selbst ab, die uns durch eine geraume Zeit gut gedient hat, als Bedürfnisse wahrzunehmen noch zu triggernd war, um das managen zu können.
Emotionen
Emotionen sind nicht automatisch problematisch, nur weil sie stark sind. Sie helfen uns, soziale Situationen zu navigieren und zeigen uns die Umrisse unserer Persönlichkeit. Die Dinge, die uns zum weinen bringen oder leidenschaftlich wütend machen, sagen etwas darüber, wer wir sind. Wenn wir taub für Emotionen waren oder nur Trauma-bedingte extreme Emotionen kennen, wartet jetzt eine Überraschung auf uns. Natürliche Menschen verwenden ihre Emotionen viel mehr in der Kommunikation als das manchmal scheint, weil jedes Anzeichen von Gefühl bei uns als Thema für die Therapie betrachtet wurde. Menschen drücken Emotionen viel mehr aus, als wir denken und dieser Ausdruck hilft anderen sogar dabei, Worte korrekt zu deuten. Das ist der Grund, warum man uns oft nicht ausreichend ernst genommen hat, wenn wir etwas gesagt haben, aber es waren keine Gefühle sichtbar. Mit mehr sicheren Gefühlen zum fühlen, die nicht sofort wieder Erinnerungen triggern, können wir mehr damit experimentieren, Emotionen in unseren Ausdruck zu legen und Menschen um uns herum reagieren da gewöhnlich sehr positiv drauf. Sie sagen uns vielleicht, dass sie ein besseres Gespür für uns kriegen oder das wir als Person präsenter scheinen. Andere Personen brauchen oft eine spürbare Emotion von uns, um uns besser verstehen zu können und Beziehungen werden dadurch auch einfacher statt nur komplizierter. Früher hat es sich immer angefühlt, als würden Emotionen alles nur noch schwieriger machen, aber wenn sie auf einem normalen Level stattfinden, das zur Situation passt, helfen sie uns oft und machen alles realer in der Wahrnehmung.
Gedanken
Die meisten normalen Menschen reflektieren nicht alles. Sie sind im Moment und erleben ihn. Dann reflektieren sie später, um das besser zu integrieren (oder auch nicht). Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mein Gehirn macht mitten in Tätigkeiten ständig Pausen, tritt einen Schritt zurück, schaut sich das aus der Distanz an, um zu sehen, ob es mehr Regulation braucht oder Anteile ok sind oder irgendwer noch was beitragen will. All das, während ich maskiere, dass es überhaupt stattfindet. Diese Schleifen sind vor und während des Trauma Prozessierens unglaublich wichtig. Sie geben uns die Möglichkeit, uns schnell zu regulieren und zu co-regulieren, bevor irgendwas in ein Extrem rutscht. Sie halten uns auch davon ab, später im Leben eine reine, ungefilterte Erfahrung zu haben. Wir haben gelernt, ein unglaublich hohes Maß an Bewusstsein für uns selbst zu haben und wir können das langsam runterschrauben, um präsenter und näher am Erleben zu sein. Weniger Gehirn, mehr Erleben und Aufnehmen. Niemand in der natürlichen Welt außerhalb von Therapie macht so viele gedankliche Schleifen, insbesondere nicht, weil die in einem normalen Leben nicht gebraucht werden. Das steht uns irgendwann im Weg.
Impulse
Es kann gut sein, dass wir gelernt haben, dass es schlecht ist, Impulsen zu folgen. Entweder haben wir das zu TraumaZeit gelernt und dann sichergestellt, dass wir unsere Impulse streng unter Kontrolle halten, um weiteren Schaden zu vermeiden oder wir haben das in der Behandlung gelernt, wo unser impulsives Verhalten ein Kernproblem war, an dem wir arbeiten mussten. Nach dem Trauma Prozessieren gehen die intensiven Trauma-bedingten Impulse zurück, die nach Regulation oder einem Entrinnen vom Trauma gestrebt haben (es sei denn, ihr habt noch andere Probleme mit Impulskontrolle). Was uns bleibt, ist die Lebensenergie in uns, die etwas will. Es kann sich wundersam anfühlen, natürliche Impulse zu spüren, die ihren eigenen Antrieb haben und uns in eine bestimmte Richtung bewegen. Das bedeutet noch nicht, dass es weise ist, allen Impulsen zu folgen. Wie sind durchs Trauma Prozessieren nicht plötzlich weise geworden. Aber sie sind der Ausdruck des Lebens in uns, dass etwas vom Leben will. Das ist so wertvoll und wundersam, dass ich kaum Worte finde, die nicht esoterisch klingen. Sanfte Experimente damit, unseren natürlichen Impulsen zu folgen, reduzieren weiter die mentale Arbeit, die wir investieren müssen, um im Alltag zu funktionieren. Der Impuls zu essen taucht zusammen mit dem Körpergefühl von Hunger auf und bewegt uns natürlich dazu, regelmäßig zu essen. Es gibt da einen ganzen natürlichen Ablauf, wie Menschen funktionieren, wenn sie nicht alles künstlich kontrollieren, weil sie sich selbst nicht vertrauen können. Unser gesundes inneres Erleben arbeitet zusammen, damit es uns gut geht. Die, die viele Jahre lang maximale Kraft aufgewandt haben, um Impulsen nicht zu folgen, werden ein neues Gefühl von Lebendigkeit darin finden, zu tun, wonach sie sich gerade fühlen. Das kann so neu und revolutionär sein, dass es am Anfang beängstigend ist. Es ist auch ein sehr befreiendes Gefühl und wenn wir das geschützt ausprobieren, können wir besser darin werden, uns selbst zu trauen mit bestimmten Impulsen, ohne deswegen jemals die Kontrolle zu verlieren.
Integration
All diese inneren Erfahrungen sollen nicht darüber regieren, wie wir funktionieren. Dafür sind sie nicht da, auch nicht bei ‘normalen’ Leuten. Wir adoptieren sie nur als Teil davon, wer wir sind, statt sie zu verbannen oder wie Sklaven zu behandeln, die unserer Kontrolle gehorchen müssen. Je besser wir diese Arten, wir selbst zu sein, annehmen und integrieren können, desto realer und lebendiger werden wir uns fühlen. Wir sind dafür gemacht, diese Freiheit zu haben. Die Kontrolle, die wir auf uns angewendet haben, war notwendig, als das Trauma noch furchtbare Dinge mit unserem inneren Erleben angestellt hat. Nach dem Prozessieren dürfen wir das Maß von Kontrolle normalisieren und in die Freiheit rein kommen, wir selber zu sein. Ihr werdet merken, dass das integrative Schritte sind, die integrative Kapazität brauchen. Sie sind ein natürlicher Teil der Entwicklung nach dem Trauma Prozessieren, aber sie sind nicht einfach und man kann auch übersehen, dass diese Schritte noch ausstehen. Wer so lange mit künstlicher Kontrolle über das eigene Erleben gelebt hat und das auch als wichtiges Mittel zum Überleben gebraucht hat, ringt vielleicht damit, die Möglichkeit, natürlicher zu werden, zu bemerken. Manche dieser integrativen Prozesse sind sehr komplex, weil sie verschiedene innere Erfahrungen und äußere Situationen umfassen, die wir erst lernen, auf eine neue und stabile Art zu navigieren. Wir lernen gesunde Gewohnheiten, die wir nie für nötig gehalten haben, weil wir den Kontakt mit uns verloren hatten. Wenn Lehrbücher über die ‘Phobie vor dem normalen Leben’ sprechen, bilden sie nicht ab, wie viele integrative Schritte es noch braucht, um zu einem natürlichen Leben zu finden, dass man dann als ‘normal’ bezeichnen kann. Es ist unglaublich herausfordernd zu lernen, wie ein natürliches menschliches Wesen zu funktionieren.
Der Maßstab
Ich traue mich mal, das zu sagen: Wenn wir auf das Ende von Therapie hinarbeiten, sollten wir lernen, uns an einem weniger hohen Maßstab zu messen als Therapie das tut, weil das schlicht nicht der Standard ist, den der ganze Rest der Welt verwendet. Natürliche Menschen sind nicht perfekt. Sie machen auch nur Sachen und hoffen, dass es klappt. Sie geraten in Konflikte, weil sie sich daneben benehmen oder weil ihre echten Bedürfnisse im Konflikt sind mit denen von jemand anderem. Natürliche Menschen kontrollieren nicht jeden Aspekt ihres Lebens und ihr Fokus der Aufmerksamkeit ist nicht ständig bei ihrem innere Erleben. Sie leben in der Welt, die sie umgibt und nicht in einer inneren Erlebenswelt. Sie verhandeln ihr Leben mit der Welt außen rum, statt alles damit zu reparieren, etwas innerlich und durch Selbstoptimierung zu lösen. Wahrscheinlich erleben wir, dass es viel weniger gibt, was wir durch Selbstbeherrschung kontrollieren können, als wir dachten, wenn wir uns außerhalb des Therapieraums befinden und es mit der echten Welt zu tun haben. Die Welt ist ein chaotischer Ort mit chaotischen Menschen. Wir müssen nicht dem höchsten Standard entsprechen und auf eine Seligsprechung hinarbeiten. Zu leben und sich real zu fühlen sind immense Aufgaben, die uns beschäftigt halten. Zu einer natürlichen Funktionsweise zurückzukehren, ist richtig schwer. Es macht unser Leben aber auch einfacher. Unsere Intuition weiß eigentlich, wie Leben geht. Nach dem Prozessieren können wir lernen, uns darauf zu verlassen und uns selbst damit zu trauen. Unser inneres Erleben wirkt natürlich zusammen, um Leben zu erschaffen, das was vom Leben will.
