Auch wenn Denkfehler eine Rolle in der DIS Therapie spielen können, gibt es andere logische Fehler und problematische Überzeugungen, die mehr den Kern unserer Erfahrungen treffen. In dieser kleinen Serie schauen wir uns spezifische Überzeugungen bei Anteilen an und wie man damit arbeiten kann.
Auseinander fallen
Diese Überzeugung findet sich oft bei Hosts oder ANPs. Wir fühlen uns, als würde unser Leben auseinanderfallen, wenn wir anderen Anteilen irgendwie Raum geben. Vielleicht spüren wir sie im Hintergrund und die fühlen sich überfordert und überfordernd an. Unser Schluss daraus ist, dass sie bloß nicht nicht Vorne kommen dürfen oder wir sind überzeugt, dass ihnen Aufmerksamkeit schenken sie nur mächtiger macht. Ihnen den kleinen Finger zu reichen, bedeutet für uns, dass sie sich unser ganzes Leben nehmen und alles auseinanderfallen wird. Sie werden unser Leben kaputt machen. Unser Alltag zerbricht, sie zerstören unsere Beziehungen, verlieren unseren Job und ruinieren unseren Ruf. Diese Überzeugung spüren wir körperlich, wenn Anteile uns mit ihrer Überforderung fluten und das fühlt sich tatsächlich an, als würde das komplette Chaos losbrechen, wenn wir dem Raum geben. Es fühlt sich so an, als wäre es unser Job, das zurückzuhalten, um Ordnung und Funktionieren zu bewahren.
Ziele
Wenn wir das spüren und die stille Panik, die damit verbunden ist, dann ist es Zeit, einen Schritt zurück zu treten. Was ist es, was diese Anteile wirklich wollen? Ich habe Zweifel, dass sie wirklich unser Leben zerstören wollen. Ich glaube auch nicht wirklich, dass sie in unserem erwachsenen Leben landen wollen, um da erwachsene Verantwortlichkeiten zu managen. Das wäre eine ganz schön große Aufgabe für angeschlagene Anteile. Wenn wir geerdet sind und mal logisch nachdenken, bemerken wir, dass es nicht ihr Ziel ist, unser Leben zu zerstören. Hauptsächlich wollen sie bemerkt und gehört werden. Wahrscheinlich wollen sie nicht alleine im Dunkeln sein. Das ist keine Bedrohung für unser Leben. Wenn wir fragen, was diese Anteile brauchen, dann sind das wahrscheinlich Dinge wie Grounding, Co-Regulation oder Präsentifikation. Sie brauchen Fürsorge. Sie haben keinen Grund, unser Leben zu übernehmen, wenn sie ihre Ziele erreichen. Der Weg, ihren Bedürfnissen zu begegnen, führt nicht logisch dazu, dass unser Leben dann auseinander fällt.
Wenn Anteile ignoriert werden
Lasst uns kurz überlegen, was passiert, wenn Anteile ständig ignoriert und weggedrückt werden. Zuerstmal entsteht ein größerer Druck durch die unbefriedigten Bedürfnisse. Das sind unsere Bedürfnisse, die bei ihnen gelagert sind und die zu ignorieren, führt zu einer Instabilität in unserem Leben, weil dem Bedürfnis nicht begegnet wird. Als nächstes schiebt dieser Druck die Anteile nach Vorne. Wenn wir allen Kontakt mit ihnen ignorieren und sie meiden wie die Pest, dann ist das Ergebnis Amnesie. Sie werden nach Vorne gedrückt und wir bleiben nicht bei ihnen, weil wir sie so gründlich vermeiden und das bedeutet, dass sie alleine Vorne landen. Das ist exakt die Vorstellung, vor der wir so viel Angst hatten. Unsere scheinbare Lösung produziert dieses Problem erst. Wenn wir co-bewusst dabei bleiben würden, könnten wir zumindest einen Einfluss auf ihr Verhalten ausüben. Würden wir uns anders um Bedürfnisse kümmern, käme es vielleicht gar nicht dazu, dass sie Vorne landen.
Unangenehme Wahrheiten
Die Arbeit mit inneren Anteilen ist herausfordernd und bringt uns an die Grenze. Wir können die Auswirkungen von innerem Druck und Amnesien auch mildern, wenn wir uns Zeit nehmen und regelmäßig Aufmerksamkeit aufwenden. Es ist tatsächlich so, dass einige Menschen mit DIS am Anfang eine Krise erleben. Meist geht es da um das eigene Ringen mit Verleugnung und Akzeptanz. Das muss nicht zwingend sein, weil fragile Anteile das Leben verwirrt haben. Verleugnung ist ein echter Kampf und es wird für alle besser, wenn sie überwunden ist. Ich halte es für fair, zuzugeben, dass unsere größte Schwierigkeit ist, zu akzeptieren, dass wir eine Person sind, die in viele Anteile aufgeteilt ist. Das ist der Kern der Krise, die sich anfühlt, als würde unsere Identität auseinander fallen. Unsere Angst vor anderen Anteilen und was sie tun könnten ist vielleicht auch ein bisschen eine Projektion unseres Gefühls, das Vertrauen zu verlieren in wer wir sind. Wir sind quasi schon auseinander gefallen. Da ist nichts mehr zu verhindern. Nur noch Sachen, die man wieder verbinden kann.
Hochfunktionale Systeme bemerken vielleicht, dass sie grundsätzlich erst mal zu funktionaleren Anteilen wechseln und es lange dauert, bis sie je mal bei einem fragilen Anteil ankommen. Die Erfahrung zeigt uns, dass wir im echten Leben nicht seltsam auseinander fallen, sondern uns besonders zusammenreißen.
Es wird Zeiten geben, wo es sich unangenehm und beunruhigend anfühlt, wenn andere Anteile nach Vorne kommen. Weil unsere Fähigkeiten und Bedürfnisse aufgeteilt sind, ist es nur sehr selten eine sinnvolle Strategie, dass nur ein Anteil immer vorne ist. Das ist ein veralteter Ansatz, der nicht aufgeht. Wir können lernen, uns sicherer damit zu fühlen, wenn wir Zeug*innen davon sind, dass dabei nichts schlimmes passiert und wir einen Einfluss darauf haben, wann und wie es passiert. Zu lernen, co-bewusst zu bleiben, ist ein wertvolles Ziel. Der Trick dabei ist, zu bleiben, wenn jemand anderes kommt, statt wegzugehen.
Gute Nachrichten
Was sagt uns das über die Lösung? Sie ist einfacher, als wir gedacht haben. Wir müssen nicht darum ringen, andere Anteile davon abzuhalten, unser Leben zu ruinieren, weil sie nach Vorne kommen und verrückte Dinge tun. Grundsätzlich haben fragile Anteile nicht das Ziel, uns das Leben schwer zu machen. Sie brauchen Aufmerksamkeit und einen Weg, um Druck abzubauen. Auch kleine Interventionen machen das möglich. Mutwillige Selbstfürsorge mit einer Einladung an Anteile, das zu bemerken, kann ein erster Schritt sein. Wir sprechen vielleicht laut nach Innen, während wir etwas tun, was nett oder hübsch ist und laden dazu ein, das zu bemerken. Ich empfehle meistens einfach 3 Minuten Signposting am morgen. Das muss gar nicht mit großen Team Meetings anfangen. Auch kleine Gesten reduzieren Druck, wenn sie bemerkt werden. Positive sensorische Stimulation macht es einfacher, etwas zu bemerken. Wir können das pacen, wenn wir uns aktiv damit beschäftigen statt es zu vermeiden. Es braucht gar nicht viel.
