In Verhaltenstherapie-lastigen Büchern zu DIS findet ihr immer eine Liste mit Denkfehlern (zB Schwarz-Weiß Denken, Generalisierungen, Katastrophendenken usw), wenn es um problematische Gedanken und Überzeugungen bei DIS geht. Ich glaube nicht, dass diese kognitiven Fehler bei DIS irgendwie häufiger wären als bei anderen psychischen Problemen. Aber es gibt tatsächlich Überzeugungen, die bei DIS extremer ausfallen oder zentraler sind und über die sprechen wir, wenn es klappt, in einer kleinen Serie.
Der Glaube an Strafe
Alle Menschen mit DIS, die mir bisher begegnet sind, hatten einen oder mehrere Anteile, die geglaubt haben, dass man andere Anteile beschimpfen, bedrohen oder bestrafen muss, damit sie ihre Arbeit ordentlich machen. So funktioniert die Welt aus ihrer Sicht. Menschen machen nichts, es sei denn man genutzt Gewalt, um sie dazu zu zwingen. Und sie tun nichts gut genug, es sei denn da ist noch mehr Druck und Zwang. Ohne diese sehr wichtigen Interventionen würde das Leben auseinanderfallen, weil alle dann zu sehr mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen beschäftigt sind und die Arbeit nicht mehr machen. Alles würde in Unordnung fallen. Bevorzugte Werkzeuge, um das System am Laufen zu halten sind:
- Beschimpfungen
- Beschämungen
- Schuldzuweisungen
- Strafen
- Anklagen
- Drohungen
- verbale/emotionale Gewalt
und/oder
- alte Botschaften wiederholen, wo diese Werkzeuge von anderen gegen uns verwendet wurden, um uns unter Kontrolle zu halten
Warum die Überzeugung Sinn macht
Erst einmal imitieren wir wahrscheinlich etwas, das uns in der Vergangenheit passiert ist, wenn Erwachsene wollten, dass das Kind funktioniert und nicht sichtbar dekompensiert. Wir konnten/wollten nicht tun, was sie von uns wollten und dann haben sie uns gezwungen. Unsere Gefühle oder Bedürfnisse waren nicht von Interesse und wurden als weniger wichtig als ihr eigener Wille eingestuft. Dieses Muster haben wir verinnerlicht. Keine Bedürfnisse und Gefühle, aber ein hoher Fokus darauf, zu funktionieren, wie das von außen vorgegeben wird. So hat die Welt zu TraumaZeit funktioniert. Um größere Not zu vermeiden, haben wir gelernt, so zu funktionieren, wie das deren Plan für uns in der Situation war und haben unsere Bedürftigkeit dafür woanders hingelegt. Das hat uns irgendwie durch die Situation gebracht, also hat es sich für manche Anteile wie eine Lösung angefühlt und wir haben vielleicht nicht realisiert, dass diese Trennung von unserem inneren Erleben mit zur strukturellen Dissoziation beigetragen hat.
Heute fühlt es sich sicher und machtvoll an, diese Strategie zu verwenden. Anteile fühlen sich wie in Kontrolle, wenn sie uns dazu zwingen, nach ihren Regeln zu funktionieren. Die meisten glauben ehrlich, dass es notwendig ist, die Dinge ordentlich oder sogar perfekt zu machen, und allen anderen Druck zu machen deswegen, ist eben wie das funktioniert. So bleibt die Welt in ihrer Bahn und so beschützen wir uns davor, dass die Dinge uns entgleiten. Dahinter versteckt sich die Angst vor Kontrollverlust und davor, Schwäche zu zeigen, weil es sich dann anfühlen würde, als würde die Welt auseinanderfallen. Kontrollierende Anteile wie diese glauben, dass es harsche Kontrolle über andere braucht, um sich zu schützen und dass es natürlich ist, Drohungen und Beleidigungen zu verwenden, damit es auch klappt. Auch wenn die schützende Absicht hinter dem Verhalten erkennbar ist, ist die Überzeugung dazu durchzogen von Fehlannahmen über das Leben heute. Wenn wir uns fragen ‘Was versucht dieser Anteil zu erreichen?’ und ‘Wie versuchen sie das zu erreichen?’, dann finden wir ein ehrenhaftes Ziel und eine verkorkste Umsetzung.
Das Problem mit dieser Überzeugung
Das Leben hat sich verändert. Die Momente, wo wir alle Gefühle und Bedürfnisse wegdrücken und nur funktionieren müssen, ohne auf die Konsequenzen Rücksicht zu nehmen, sollten inzwischen selten sein und sich auf Notfälle beschränken. In diesem neuen Leben ist es etwas Gutes, sich zu spüren und Raum einzunehmen mit unseren Bedürfnissen und unserer Persönlichkeit. Wenn wir nicht noch in abhängigen oder unsicheren Strukturen leben, sind wir nicht mehr darauf beschränkt, zu sein wer und wie jemand anderes das von uns will.
Wir müssen Dinge nicht mehr tun wie früher. Niemand kommt vorbei und prüft das. Normalerweise ist es anderen Menschen völlig egal, was wir machen und sie merken auch nicht, wenn wir was tun, was zu TraumaZeit bestraft wurde. Die meisten erwarten von uns nur, dass wir frei sind und unsere Freiheit dazu nutzen, zu leben, wie wir wollen, nicht aber, dass wir antiquierten Regeln folgen. Alte Regeln sind heute anachronistisch, so wie alte Werkzeuge auch. Niemand kommt, um uns zu holen. Die Welt dreht sich weiter, ganz ohne dass wir sie dazu zwingen.
Das Leben wäre leichter, wenn wir uns keine Last aufladen würden dadurch, dass wir an alten Mustern wie Beschämungen oder Strafen gegen uns festhalten. Das Leben ist schwer genug und braucht eigentlich nicht die zusätzliche Herausforderung, Dinge zu tun, während wir auch noch dabei beschimpft werden. Denn hier ist die Wahrheit: Wir machen normale Sachen auch ohne Druck. Einfach weil wir das wollen. Es braucht in Wirklichkeit keine Gewalt, damit wir uns überhaupt bewegen. Und es braucht keine Drohungen, damit wir es gut machen. All diese extra Schritte, die dazu gedacht sind, uns in Schach und unter Kontrolle zu halten, sind nicht nötig, weil wir unsere eigene Motivation haben, Dinge für uns zu tun. Die zusätzliche Last von Strafen sorgt nicht dafür, dass etwas glatter läuft, sie macht es schwerer, etwas zu erreichen. Sie macht es schwerer zu funktionieren. Genau das Ziel, das wir versuchen durch mehr Gewaltanwendung zu erreichen, wird heute von genau dieser Gewaltanwendung gefährdet. In dieser neuen Welt funktionieren wir besser, wenn es uns erlaubt ist, ganz zu sein, mit Emotionen und Bedürfnissen und allem, und wenn es keine ‘äußere’ Gewalt von Innen gibt, die Druck auf uns ausübt. Stress hilft nicht beim Funktionieren und ständige Beschimpfungen erzeugen Stress. Es funktioniert wunderbar auch ohne und mehr Gewaltanwendung reduziert unsere Chancen auf Erfolg. Manchmal schaffen wir Dinge nicht mit Druck, die wir ohne hinbekommen hätten. Die Ergebnisse werden heute einfach nicht besser dadurch. Wir erreichen unsere Ziele eher trotz des inneren Druck, nicht deswegen.
Und das seltsamste und vielleicht schwierigste zu verstehen: Diese alten Strategien führen heute nicht mehr zu mehr Sicherheit. Andere Interventionen sind viel erfolgreicher, wie regelmäßige Selbstfürsorge, klare Grenzen, Durchsetzungsfähigkeit oder einfach nur das Erschaffen eines sicheren Zuhauses. Wenn wir regelmäßig Sicherheit erleben, merken wir viel eher, wenn sich etwas verändert und unsicher wird. Wird immer alles gleich behandelt und selbst unsere Hausarbeit ist ein Überlebenskampf wegen der Art, wie wir Strafen gegen uns anwenden, wie sollen wir dann jemals sicher sein und das auch bemerken? Es liegt oft jenseits der Vorstellungskraft von kontrollierenden Anteilen, wie echte Sicherheit und vor allem ein felt sense, ein spürbares Gefühl von Sicherheit, erreicht werden können. Ein Körpergefühl von Hunger zu spüren und dann etwas zu essen, wenn man es spürt, sorgt viel besser dafür, dass wir weiter funktionieren, als es eine Beschimpfung tun kann. Das realisieren wir nicht, wenn wir immer noch davon ausgehen, dass es eine Erfüllung unserer Bedürfnisse gar nicht gibt und wir denken, dass wir den Mangel managen müssten. Die alten Werkzeuge sind heute nicht mehr wirklich effektiv. Während das Ziel, uns am Funktionieren zu halten, ein sehr gutes ist, braucht es jetzt andere Handlungen, um das zu sichern. Dinge wie Schlaf, Ruhe und eine gelassenere Herangehensweise an unsere Versuche zu leben. Sicherheit wird nicht mehr dadurch hergestellt, indem wir funktionieren, wie andere das von uns verlangen, sondern dadurch, uns anzunehmen und die Dinge auf unsere Weise zu tun. Zu TraumaZeit lag das außerhalb unserer Möglichkeiten und wurde bestimmt nicht als hilfreich wahrgenommen, aber das ist es heute und dabei auch noch effektiver in dieser neuen Welt als die alten Werkzeuge es sind.
Der Preis davon, es wie immer zu machen
Die Anwendung von Gewalt erhält im System das Gefühl aufrecht, nicht sicher zu sein. Bedroht zu werden, führt zu Stressreaktionen, um mit dem Gefühl von Bedrohung umzugehen und das verbraucht sehr viel Energie. Wir haben zusätzliche Symptome, die wir auch noch managen müssen und die Zeit und Aufmerksamkeit verbrauchen, die frei verfügbar wäre, wenn wir uns sicher mit uns fühlen könnten. Die Machtdynamik kostet uns auch warme Beziehungen, die wir mit anderen Anteilen haben könnten. Sie erhält die Trennung zwischen Anteilen, die versuchen, uns zu kontrollieren und denen, die eingeschüchtert werden zu gehorchen. Diese Dynamik lässt keinen Raum für Akzeptanz und Verbundenheit. Kontrollierende Anteile werden abgelehnt, nicht dafür wer sie wirklich sind, sondern wegen dem Druck, den sie anderen machen. Das ist ein einsames Leben. Wir schauen vielleicht sogar anderen Anteilen dabei zu, wie sie warme Beziehungen miteinander haben und sich umeinander kümmern, aber wir glauben, dass wir davon fern bleiben müssen, um sie von oben zu managen und damit das System vor Chaos zu bewahren. Das hält uns auch davon ab, selber Hilfe zu bekommen. Das Leben ist viel härter, wenn diese Hierarchien beibehalten werden. Und das alles ist umsonst, weil die alte Strategie nicht mehr gebraucht wird und letztendlich sogar unser Ziel untergräbt. Das ist ein hoher Preis für etwas, das am Ende so wenig effektiv und aktiv problematisch für alle ist.
Der Weg nach Vorne
Vielleicht ist es Zeit, sehr genau nachzudenken. Die Umstände haben sich geändert. Wie können wir jetzt ein Ziel von Stabilität, Ordnung und Sicherheit erreichen? Was würde heute langfristig unser Funktionieren sichern? Kontrollierende Anteile sind schlau und können äußere Einflüsse gut im Hinterkopf behalten. Also, wie ist es heute? Wie kann echtes und integriertes Funktionieren verbessert werden, wenn die inneren Erfahrungen, die uns menschlicher und das Leben voller machen, mit berücksichtigt werden?
In diesem neuen Leben, was würde uns da wirklich negative Aufmerksamkeit einbringen oder zu Strafen führen? Wie bleiben wir einem Gerichtssaal fern? Wer könnte uns überhaupt bestrafen oder zu etwas zwingen?
Welche Art von Planung oder Vorbereitung bräuchte es, um unsere Ziele zu erreichen und erfolgreich zu sein? Denkt da scharf drüber nach und vergleicht eure Ideen mit dem, was andere Leute sagen, die sich im Heute gut auskennen. Wenn ihr was nicht wisst, könnt ihr auch andere Anteile nach ihren Erfahrungen heute fragen und danach, was sie bräuchten, um gut zu funktionieren. Tatsächlich braucht ihr mich nicht dafür, euch zu sagen, wie es besser wäre oder um euch neue Regeln zu geben, an die ihr euch halten könnt. Wenn ihr da gut drüber nachdenkt, wird es Sinn ergeben, und das ist viel mehr wert, als meine Meinung es ist.
Es gibt heute Wege, wie man sich schützen, durchsetzen und organisieren und dabei schlau sein kann. Gute Ratschläge helfen Frontpersonen auch. Es gibt Wege, das Leben für sie einfacher zu machen, um sicherzustellen, dass sie in der heutigen Welt gut und lange funktionieren können. Wenn wir clever sind, können wir uns an die neuen Umstände anpassen und sicherstellen, dass wir jetzt sicher und sortiert sind und stark aufgestellt. In einer Welt, die keine Bestrafer mehr braucht, ist die moderne Rolle die von Ratgeber*innen. Dazu braucht es gründliches Wissen darüber, wie die Welt heute funktioniert und wie man ganzheitlich leben kann. Es gibt viel zu lernen und man kann da richtig gut drin werden.
