Die Phobie vor Fusion wird in der Fachliteratur eher nicht bei den klassischen Phobien bei DIS genannt oder sie wird als Problem in Phase 3 erwähnt. Ich glaube, dass sie ein Ausdruck der Phobie vor anderen Anteilen und der Phobie vor traumatischen Erinnerungen ist. Ich spreche darüber bewusst an dieser Stelle der Serie, weil die Phobie vor Fusion in der Stabilisierungsphase am schlimmsten ist. Das löst sich mit der Zeit, wenn Erinnerungen verarbeitet sind und wir unser Leben mehr mit anderen Anteilen teilen.
Behandlungsziele als Bedrohung
Gute DIS Ts werden uns in irgendeiner Weise mit einbinden, wenn sie ihren Behandlungsplan machen. Aber unerfahrene Ts denken dabei oft zu weit voraus und versuchen schon früh, ein Endziel der Therapie festzulegen. Sie bringen die Frage ‘integriert funktionieren oder Fusion?‘ zu einem unmöglichen Zeitpunkt auf. Wir müssen das nicht zu Beginn der Therapie entscheiden. Wir können das gar nicht. Es ist Teil des Recovery-Prozesses, zu sehen, wen es da überhaupt Innen gibt, wie das alles zusammen passt und wie wir am besten zusammen funktionieren. Das wird nicht sichtbar, bis die Trauma Erinnerung für die individuellen Anteile verarbeitet ist. Sie werden danach anders sein. Wir wissen nicht, wie genau das Ergebnis sein wird. Es ist völlig unmöglich vorherzusehen, welches Ziel am besten zum System passt, wenn wir die Behandlung nicht einmal angefangen haben. Das Endziel ist für die frühe Planung irrelevant. Die Schritte bleiben alle die selben. Der einzige Unterschied liegt darin, wie weit wir ganz am Ende gehen können. Das beantwortet sich selbst, wenn wir da angekommen sind. Ts können die generelle Richtung angeben, in die Therapie sich bewegen muss, nämlich in Richtung von mehr Integration als jetzt gerade, ohne dabei einen fixen Endpunkt zu verkünden.
Integrative Kapazität
Ts, die die Option von Fusion früh in der Therapie einbringen, triggern das System kaputt, das aus guten Gründen phobisch ist. Wir können noch nicht darüber nachdenken, wie das alles zusammen passt, wenn da keine Kapazität ist, uns so zu sehen und weil die dissoziativen Barrieren noch zwingend notwendig sind, weil sie die Überforderung der Traumatisierung managen, die über das System verteilt ist. Ohne einen angemessenen Umgang mit der traumatischen Erinnerung, muss schon die Vorstellung davon, miteinander verbunden zu sein, uns bis in die Knochen ängstigen. Das liegt jenseits unserer Fähigkeiten. Wir haben zu viel Angst und wir haben auch noch keine Erfahrung mit innerer Verbundenheit, die uns eine Idee davon gibt, wie es sein könnte. Stabilisierung ist nicht der Moment, wo man über die Endgegner-Fragen des Lebens wie Identität und Existenz nachdenkt.
Die Fantasie von Fusion
Wenn Systeme von Fusion hören, stellen sie es sich falsch vor. Es ist unmöglich, sich etwas korrekt vorzustellen, was so weit außerhalb unseres Erlebens liegt und so viel größer ist als die Realität, die wir gerade erleben. In der Regel stellen wir uns mehr Dissoziation vor, weil das das einzige ist, was wir kennen. Wir denken an Verlust, den Tod von Anteilen, Anteile die einfach verschwinden oder aufhören zu existieren. Irgendwie neigen wir dazu, uns immer vorzustellen, wie etwas verloren geht statt dass etwas zusammen kommt oder größer wird. Und es geht gar nicht, sich das anders vorzustellen. Wie sollten wir sonst sein? Ohne die gelebte Erfahrung eines größeren Raumes, einer übergeordneten Art zu sein, die groß genug ist, alle möglichen Erfahrungen zu halten, müssen wir glauben, dass etwas verloren geht. Wir spüren das intuitiv: es gibt in mir selber nicht genug Raum, um noch einen anderen Anteil da unterzubringen. Wenn wir wörtlich verschmelzen sollten, müsste etwas verloren gehen, weil 2 Anteile nicht in den Platz von einem passen. Uns ist nicht klar, dass es einen größeren Raum gibt und wir nicht alle in einen Anteil reinpassen müssen.
Veraltete Ideen von Fusion
Als die DIS Behandlung noch in den Kinderschuhen war, haben Ts die Vorstellung verwendet, dass Anteile miteinander verschmelzen. Mit Unterstützung von Hypnose haben sie eine Geschichte erzählt, wie Anteile sich immer näher aufeinander zu bewegen, bis sie einen Schritt ineinander machen und verschmelzen. Ich finde das ziemlich erschreckend. Bei ungelöstem Trauma würde das eine sofortige Traumatisierung mit sich bringen. Selbst wenn Trauma verarbeitet ist, ist die Auflösung von Identität in dem Bild gruselig. Jede*r hätte Angst, wenn man ihnen sagen würde, dass sie sich gleich auflösen. Ich benutze den Begriff Verschmelzen gar nicht, weil ich ihn irreführend finde. Diese Vorstellung ineinander zu gehen hilft einer gewissen Anzahl von Leuten mit DIS wirklich. Für die anderen ist es unnötig beängstigend und deckt sich auch nicht mit der gelebten Erfahrung. Es ist wichtig, hier offen zu halten, dass Erfahrungen sich unterscheiden dürfen und man auch alte Bilder nutzen kann, wenn die für einen selbst passen.
Bessere Vorstellungen: Der Krug
Mike Lloyd erklärt Fusion in einem seiner Videos, indem er Gläser mit Wasser oder Saft verwendet. Jeder Anteil hat ein eigenes Glas mit Flüssigkeit. Das ist voll. Man kann da nicht einfach ein Glas ins andere Kippen, das läuft sonst über. Und das würde sich für niemanden gut anfühlen. Stattdessen wird die Flüssigkeit aus allen Gläsern in einen großen Krug gefüllt, der leicht alles davon aufnehmen kann. Die Gläser bleiben zurück, während sich der Inhalt des Kruges mischt und das Ergebnis anders schmeckt als vorher aus einem einzelnen Glas. Kein Tropfen geht verloren und das persönliche Profil von Anteilen lässt sich in der Mischung noch herausschmecken. Diese Vorstellung ist deutlich besser, weil wie einen neuen und größeren Rahmen einführt, der fähig ist, viel mehr zu halten, als ein Glas es kann. Das ist näher an der gelebten Erfahrung.
Mein Bild: Die Deckenburg
In meiner eigenen Therapie fühle ich mich nicht wie Saft. Ich bin ein bisschen unflexibel und wenig fließend. Basierend darauf, wie das alles sich für mich anfühlt, hab ich das Bild einer Deckenburg für mich entwickelt. Als ein einzelner Anteil fühle ich mich, als würde ich einen Mantel tragen, der meine Größe hat und mich gut bedeckt, mein persönlicher Raum. Wir können kurzzeitig ‘3 Anteile in einem Trenchcoat’ spielen, aber das geht langfristig nicht auf. Dann habe ich einen Raum von Sein entdeckt, wie einen mentalen Zustand, der irgendwo neben meinem normalen Gefühl von mir selbst liegt. Der fühlt sich an, wie eine Anzahl von Decken, die zusammen gelegt wurden, um einen Raum zu erschaffen, wo man mehr unterbringen kann als in einem Mantel. Anteile können unter die Deckenburg schlüpfen und sich dort unter die anderen mischen. Die Deckenburg agiert als eine Einheit und als die Person, die das Leben führt. Das Wichtige dabei ist, dass es einen Zustand von Sein gibt, der über die einzelnen Mäntel von allen Anteilen hinaus geht. Da kommt man früh in der Therapie nicht hin, aber der Zugang entsteht in späteren Phasen der Therapie, wenn es einfacher wird, einen Raum mit anderen Anteilen zu teilen. Wie sehr sich das in der Deckenburg vermischt, ist individuell. Vielleicht mischt es sich nicht sehr, weil die Persönlichkeitszustände die wir da haben, gut zu Rollen in der Außenwelt passen und wir navigieren unsere Burg, während die grobe Form von Anteilen unter den Decken relativ intakt bleibt. Gemeinsam als eine Deckenburg zu handeln ist schon sehr viel integrierter, als wenn wir zwischen gut angepassten und funktionalen Mänteln wechseln. Mit der Zeit mischt sich das unter den Decken vielleicht auch mehr, weil es nützlich ist und Fähigkeiten oder Erinnerungen werden fließend von einer Ecke in die andere weitergereicht. Die Art, wie sich unser Sein mit sich selbst vermischt, fühlt sich so sanfter an und hat einen längeren Übergang für schrittweise Anpassung als wenn wir Saft in Krüge füllen und sich das sehr schnell mischt. Es bleibt ein Spektrum, wie sehr es sich wirklich mischt und wo Formen intakt bleiben, während alles unter den Decken der Deckenburg bleibt. Es fängt dann an, sich normaler anzufühlen, in der Deckenburg zu sein als noch mal herauszutreten in den Mantel. Die neue Form passt besser und fühlt sich mit der Zeit wie ein gemütlicherer Lebensraum an.
Das ist eine gelebte Erfahrung mit dem Integrations-Prozess. Andere erleben das anders. Aber vielleicht merkt ihr, dass das nicht so furchtbar beängstigend ist, wie irgendwie zu schmelzen.
Ein pragmatischer Ansatz für die Phobie vor Fusion
Wenn wir zu viel Angst haben, um an Fusion zu denken, dann ist es für uns zu früh, um über Fusion nachzudenken. Und dann macht es auch keinen Sinn, überhaupt darüber nachzudenken. Wir stellen es uns doch nur falsch vor. Fusion wird denkbarer, wenn unsere Kapazität wächst und einen größeren Raum in uns schafft. Das beginnt vielleicht die wie Idee, in ein anderes Land ziehen zu wollen. Das fängt an, sich interessant anzufühlen und wie eine Richtung, in die es uns zieht. Indem wir uns mit diesem neuen Erleben auseinandersetzen, gewinnen wir mehr Sicherheit mit unseren Entscheidungen und vielleicht ziehen wir nach New York und vielleicht merken wir, dass unsere Ressourcen dazu nicht ausreichen und wir ziehen erst mal nach Berlin. Wir werden sehr wahrscheinlich den Drang spüren, weiterzuziehen, auf die eine oder andere Weise, wenn wir bereit dafür sind.
Lasst euch nicht dazu drängen, verfrüht über Fusion nachzudenken. Das ergibt keinen Sinn. Stimmt ganz am Anfang nichts zu als einer grundsätzlichen Richtung für eure Therapie. Manche Systeme sind so strukturiert, dass eine volle Fusion sie weniger funktional macht und die beste Option für ein glückliches Leben eine teilweise Integration ohne Fusion ist. Es gibt kein finales Ziel, das zu allen passt. Und es ist noch viel zu früh, um zu verstehen, was ihr wirklich braucht, bevor die nötigen Entwicklungsschritte gemacht sind. Wartet einfach ab. Das wird irgendwann klarer. Ihr habt die Erlaubnis, einfach gar nicht über Fusion nachzudenken, bis ihr die meisten Trauma Erinnerungen verarbeitet habt. Ab dann kann das überhaupt erst zu einem relevanten Thema werden.
