Trauer ist eine normale Reaktion auf Verluste und Veränderungen. Sie wird begleitet von Traurigkeit, Kummer und einem inneren Schmerz, der mit dem ganzen Wesen gefühlt werden kann. Weinen ist ein häufiges und normales Verhalten bei Trauer und sie kann auch ganz anders aussehen. Während Trauer kein angenehmes Gefühl ist, zeigt sie uns, dass wir einen Verlust von etwas wichtigem in unserem Leben realisieren. Wir vermissen etwas, das wir haben sollten (oder hätten haben sollen) und es gibt einen Bereich von Schmerz in uns, der durch diesen Mangel in unserem Leben ausgelöst wird. Da ist ein leerer Fleck, wo etwas Gutes sein sollte. In der Gesellschaft gibt es die Tendenz, Menschen Druck zu machen, mit dem Leben weiterzumachen und das hat sich als nicht effektiv darin erwiesen, Menschen durch den Prozess der Trauer zu begleiten.
Trauer als Teil von Integration
Ich weiß nicht, ob es Trauer gibt, die nichts mit einer Form von Integration zu tun hat, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass integrative Prozesse immer Trauer mit sich bringen, selbst wenn es nur kurze Momente sind, bevor wir weitergehen. Es ist die emotionale Reaktion auf Realisation in all ihren Formen und findet in der Regel nach einer Wutreaktion statt, wenn Wut Teil des persönlichen Prozesses ist.
Trauer nach der Integration von Erinnerungen
Wenn das Trauma Prozessieren erfolgreich ist, wird es zu Trauer führen. Wir realisieren, wie viel uns durch das Trauma genommen wurde. Vielleicht kriegen wir ein Gefühl dafür, was wir alles verpasst haben, weil wir mit Überleben beschäftigt waren. Wir realisieren vielleicht all die Dinge, die andere Kinder hatten und die wir uns nicht mal vorstellen konnten. Schon grundlegende Sicherheit oder Fürsorge kann dann etwas sein, worum wir andere beneiden. Wie immer es sich für uns entwickelt, es sollte dabei ein größeres Bewusstsein entstehen, dass die Vergangenheit vorbei ist und wir heute mit den Auswirkungen davon leben. Was größtenteils eine Sinneserfahrung (Flashback) war, sollte zu etwas Erzählbarem werden (unsere Geschichte). In einem guten Integrationsprozess spüren wir Trauer über all die Auswirkungen, die Erfahrungen auf unser Leben hatten. Die Realisationen davon, was für einen Einfluss das hatte, kommen in Wellen, wenn wir die Schichten und Lebensbereiche entdecken, die betroffen sind. Es kann einige Zeit dauern, bis diese Wellen in einen Zustand von Frieden finden.
Ich halte Trauer für ein Merkmal von erfolgreicher Trauma Integration. Wenn sie nicht passiert, ist was schief gelaufen. Wir haben nicht alles realisiert, was es zu realisieren gibt. Selbst kleine Verluste erzeugen Trauer, wenn sie uns bewusst sind. Wenn wir nach dem Trauma Prozessieren keine Trauer spüren, hat etwas nicht unser Bewusstsein erreicht. Selbst wenn Geschehnisse lange zurückliegen und wir uns ein gutes Leben erschaffen haben, sollte Trauer wie eine Welle einmal über uns drüberrollen, egal wie kurz das ist. Ich würde immer noch mal zur Erinnerung zurückgehen, um das zu prüfen, wenn so gar keine Trauer auftaucht. Ich glaube, das bedeutet, dass noch etwas dissoziiert ist. Das bedeutet nicht, dass die Therapie Intervention versagt hat. Der Prozess ist nur vielleicht noch nicht abgeschlossen. Realisationen brauchen Integrative Kapazität und das kann einfach noch zu groß sein, um damit gut umzugehen und das kommt später dran.
Ich hab hier bewusst nicht den Begriff ‘Trauma Konfrontation’ verwendet. Während es gut erforschte Techniken zum Trauma Prozessieren gibt, die auch meist in Trauer und Integration enden, gibt es andere Ansätze, sich mit der persönlichen Geschichte zu beschäftigen, die sich auch durch Integrative Handlungen durcharbeiten. Es ist dabei egal, ob das Reframing, Reskripting oder eine Form von radikalem Grounding ist. Wenn es einen integrativen Effekt hat, wird Trauer hochkommen. Menschen die anhaltend über die Vergangenheit und die Gegenwart reflektieren, können solche Erfahrungen manchmal auch ohne formale Konfrontation erreichen, ganz besonders wenn es darum geht, Anteile ins Heute zu holen. Auf unerwartete Weise kann das Verfahren wie die Psychoanalyse, die für Trauma normalerweise nicht empfohlen wird, wieder nützlich machen (wenn auch eher nicht effizient). Trauma stört, wie wir Sinn in Erlebnissen finden. Trauer ist Teil des Prozesses, diesen Sinn zu reparieren und Erfahrungen verständlich zu machen.
Trauer über Veränderungen im Leben
Nicht selten haben Menschen mit einem chronischen Trauma Hintergrund ein sehr schweres Leben. Armut, anhaltende Gewalt und Retraumatisierungen, Stigma und Entmenschlichung. Auf unsere Kindheitserfahrungen kommen noch Jahre von Elend oben drauf, die ihre Spuren hinterlassen. Wenn wir Glück haben, umfasst unser Heilungsprozess einen Weg für unser ganzes Leben zu heilen, in allen Bereichen, und die Umstände ändern sich irgendwann. Wir finden vielleicht Stabilität und Sicherheit. Solche Veränderungen müssen auch integriert werden. Wenn wir das nicht tun, laufen wir durch unser neues Leben, während unser Verstand und Körper noch in dem alten stecken. Oder wir starten ein neues Leben und dissoziieren, wo wir herkamen. Es gibt die Tendenz, neue Alltagsanteile zu erschaffen, die an die neuen Umstände angepasst sind, wenn ältere Anteile so einen Übergang nicht schaffen. Zu groß, zu schnell, was immer es ist, wir lassen uns vielleicht zurück und starten neu. Aber diese Spaltungen haben einen Preis. Es ist die Mühe wert, das ganze System durch so eine Übergangsphase und in ein besseres Leben zu bringen und dabei besonders achtsam zu sein, dass alle realisieren, dass es passiert. So ein Übergang braucht Trauer als einen wichtigen Katalysator.
Um zu verhindern, dass wir uns selbst in der Vergangenheit zurücklassen, um das Neue zu umarmen, brauchen wir so etwas wie eine mentale, durchgängige Linie zwischen den alten Erfahrungen, der Zeit des Übergangs und in die neue Erfahrung hinein. Die Geschichte spannt einen großen Bogen, der uns hier her geführt hat. Die Vergangenheit war wahr und jetzt sieht die Realität anders aus. Indem wir uns erinnern, wo wir herkamen, können wir die Momente von Veränderung bemerken und wie bedeutsam die waren. Unser früheres Selbst war in Not und steckte da fest und verdient es, geehrt und erinnert zu werden dafür, dass es das da durch geschafft hat. Das ist ein guter Zeitpunkt, um mehr Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln. Alles gehört dazu, selbst die Dinge, die wir lieber vergessen wollen. Dieser Entwicklungsbogen hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. In dieser Vergangenheit sind wichtige Momente enthalten, die uns für die Zukunft die Richtung weisen. Die bitteren Gefühle zu unserer eigenen Geschichte können von einer sanften Freundlichkeit gehalten werden, wenn sich unsere Trauer mit Selbst-Mitgefühl mischt. Um die großen Lebensveränderungen zu schaffen, ohne dabei zu dissoziieren, wo wir herkommen, braucht es ein Trauern über die Nöte und die Tragödie in allem. Wenn wir die gesamte Geschichte nicht realisieren, reinszenieren wir sonst am Ende vielleicht unsere Vergangenheit und riskieren damit unsere Zukunft.
Manchmal gibt es solche Veränderungen früh im Heilungsprozess, zB wenn wir das erste Mal Sicherheit finden. Andere Veränderungen werden erst möglich, weil wir Erinnerungen integriert haben und das verändert, welchen Einfluss unsere kPTBS auf uns hat. Dinge, wie zu lernen, wer man ohne ständige Stressreaktionen ist, können genau diesen Prozess von Trauer brauchen, um sie ganz anzunehmen. Trauer fühlt sich nicht nur traurig an, sie baut unsere defensiven Mechanismen ab und erlaubt mehr Tiefe. Ein früherer Mentor von mir sagte immer, dass man jeden Verlust betrauert, ob groß oder klein. Und manchmal trauert man um den Verlust eines dramatisch schlechteren Lebens, weil das Veränderung bedeutet und Veränderung nicht leicht ist. Jemand neues zu werden, ohne dabei abzulehnen, wer wir gewesen sind, ist hart. Den Bogen unserer Entwicklung im Kopf zu behalten, gibt uns auch ein größeres Gefühl von Substanz und Ganzheit.
Trauer bei Fusion
[CN: Dieser Abschnitt kann sich überfordernd anfühlen für Leute, die noch nicht bereit sind, über Integration nachzudenken. Meist betrifft das Menschen, die noch nicht mit dem Trauma Prozessieren angefangen haben]
Mein System hat noch keine volle Fusion erlebt, aber wir haben Erfahrungen mit Teilfusion. Das fühlt sich anders an, als man denkt. Für uns war es so, als wären einige Elemente, die einen Anteil ausmachen, in die Vergangenheit gewandert, wo sie mit der Erinnerung daran, was passiert ist und wer wir zu TraumaZeit waren, integriert wurden. Das ist beim Trauma Prozessieren passiert und dadurch, zu realisieren, dass Teile von dem, was den Anteil ausmacht, in die Vergangenheit gehören. Andere Elemente davon, wer sie sind, wurden mit einer Frontperson integriert. Die sind für sich präsent und es gibt Zugang dazu, während sie sich auch nicht mehr wie ‘nicht-ich’ anfühlen. Wir können die Persönlichkeitseigenschaften des Anteil klar spüren, nur ohne das Gefühl, dass es etwas getrenntes ist. Wenn wir versuchen, mit dem Anteil zu reden, gibt es keine Antwort mehr. Für ein System, das viele Jahre lang eng kommuniziert hat, ist das eine seltsame Erfahrung. Während die Kernelemente des Anteil überhaupt nicht als fehlend wahrgenommen werden und zugänglich sind, gibt es keine getrennte Stimme oder persönliche Reaktion mehr. Nur ein genaues Wissen, wie sie reagiert hätten. Nichts ist verloren, aber da ist auch ein Gefühl von Verlust.
Ich kann mir nur vorstellen, wie sich das in einem größeren Ausmaß anfühlt, wenn alle Anteile fusioniert sind. Die Stille Innen muss erst einmal ohrenbetäubend wirken. Ich glaube, ich habe eine Idee davon, wie einsam sich das im ersten Moment anfühlen kann, wenn es Innen niemanden zum reden gibt. Es wird dann eine Verschiebung geben von einem reichen inneren Leben hin zu einem reichen äußeren Leben mit anderen Menschen für Unterhaltungen und neuen Erfahrungen zum teilen. Aber da ist ein offensichtlicher Verlust, wenn Kommunikation nicht mehr Innen stattfindet und wir ungewohnt alleine sind mit unseren Gedanken, bis wir lernen, Dinge auch mit anderen Menschen effektiver zu teilen. Die Trauer darüber kann auch neue Wege eröffnen, wie wir mit anderen in Kontakt treten, die uns mit Trost unterstützen können. Es kann da unerwartete Heilung für unser Konzept von Beziehung geben, wenn Trauer geteilt wird.
Veränderungen in Richtung eines integrierten Gefühls von uns selbst bringt neue Realisationen über uns und unser Leben. Wir spüren dann vielleicht in unseren Knochen, dass wir nie viele Menschen waren und dass alles uns als Person passiert ist und Anteile geholfen haben, das zu überleben. Unsere Lebensgeschichte wird persönlicher und realer. Die natürliche Reaktion auf diese großen Realisationen ist Trauer. Da ist ein Meer von Trauer, wenn wir endlich das ganze Bild sehen. Die Möglichkeit, etwas anderes zu haben, realisieren, dass die Dinge nicht für immer so sein müssen, eröffnet eine neue Welt und die kommt erst mal mit Schmerz darüber, was alles nicht gewesen ist oder hätte sein können.
Die strukturelle Integration eines Systems passiert meist nicht in einem Großereignis. Sie besteht aus vielen kleinen Erfahrungen, wo Dinge ihren Platz im Heute finden und Trauma in die Vergangenheit sortiert wird in Form von Erinnerungen. Jeder Schritt in ein neues Leben wird von Trauer begleitet. Wir tun gut daran, uns damit anzufreunden. Das wird eine ständige Begleitung auf unserem Weg sein.
Wie ich persönlich an Trauer rangehe
Ich behandle Trauer als ein Anzeichen dafür, dass eine Wunde verschorft ist und heilt. Es ist nicht nötig, daran rumzumachen, auch wenn das Gefühl dabei kein angenehmes ist. Ich erwarte Trauer, wann immer es Veränderung gibt und benutze Trost, um ihr entgegenzukommen. Sie ist kein Feind. Vielleicht ist sie auch kein Freund, aber die kann sich vertraut anfühlen und muss keine Bedrohung sein. In Trauer stecken zu bleiben, ist vielleicht ein Zeichen, dass Aspekte von Erfahrungen nicht richtig integriert werden. Das passiert. Dann lohnt es sich vielleicht mehr, sich mit weiterer Integration zu beschäftigen, als beim Gefühl von Trauer selbst stecken zu bleiben. Ich ziehe Kraft und ein Gefühl von Bestätigung aus Trauer, weil ich weiß, dass das die letzte Phase des Heilungsprozesses für das Stück von Lebenserfahrung ist, das ich gerade integriere. Vorübergehende Gefühle von Trauer sind ein Zeichen von Erfolg. Das so zu behandeln hat es für mich immer einfacher gemacht, mit der Trauer zu sitzen und ihr zu erlauben, da zu sein.
