Die Phobie vor traumatischen Erinnerungen ist die Haupt-Phobie, die wir in Phase 2 der DIS Therapie überwinden. Wir haben richtig viel Arbeit investiert, unsere Phobie vor Bindung und Bindungsverlust, inneren Erfahrungen und dissoziativen Anteilen in Frage zu stellen, bevor Erinnerungen ein relevantes Thema in unserer Therapie werden. Das baut alles darauf hin auf, die Hürden zu überwinden, die uns den Weg zu einem friedlichen und selbstbestimmteren Leben versperren. Uns den Erinnerungen zu stellen, ist aus mehreren guten Gründen extrem beängstigend.
Wiedererleben
Wir kennen unsere Trauma Erinnerungen vielleicht hauptsächlich, weil sie uns in Flashbacks immer wieder passieren. Wir erleben das Trauma ständig auf eine unkontrollierte Art wieder, wenn die Erinnerung getriggert wird. Solche Flashbacks können verschiedene Dimensionen haben und werden vielleicht von den Körpergefühlen von früher oder der vollen Wucht der Todesangst, die wir empfunden haben, begleitet. Es ist wichtig, zu wissen, dass wir die Erinnerung nicht so wiedererleben müssen, um sie zu verarbeiten. Darum üben wir schon früh in der Therapie Distanzierungstechniken. Es ist so gedacht, dass wir uns das aus einiger Entfernung anschauen, um die Puzzleteile der Geschichte zusammen zu fügen und eine Gewissheit zu gewinnen, dass es uns früher passiert ist und jetzt nicht mehr passiert. Wir prozessieren keine Erinnerungen, bis wir Wiederleben zuverlässig unterbrechen können, weil es nicht ein Wiedererleben ist, was wir wollen oder brauchen. Alle Anteile müssen das verstehen. Wir können alles über diese Erinnerungen wissen, ohne uns gegenseitig damit zu fluten. Es hat keinen Wert, andere Anteile zu zwingen, etwas mit uns wiederzuerleben. Das fühlt sich vielleicht notwendig an, um sich verständlich zu machen, aber eigentlich ist das nur die Art, wie wir uns immer schon gegenseitig wehgetan haben und damit die Notwendigkeit von dissoziative Barrieren verstärkt haben. Wollen wir bessere Ergebnisse, müssen wir neue Wege ausprobieren und in diesem Fall schauen wir uns alle Bruchstücke von Erinnerungen zusammen aus einiger Entfernung an, ohne sie wiederzuerleben. Das eliminiert den größten Angstfaktor im Prozess.
Stressreaktionen
Was uns dann bleibt, sind die Stressreaktionen, die unweigerlich auftreten werden, wenn wir uns traumatischer Erinnerung nähern. Das fühlt sich nicht sicher an, weil es auch nicht sicher ist, da zu nah dran zu kommen. Stressreaktionen können schnell das Wiedererleben triggern und wir werden zu schnell in das Erleben eingesaugt. Deswegen lernen wir Orientierung und Grounding und alle unsere anderen Regulationsfähigkeiten. Wir gehen da gut vorbereitet rein. Wenn wir merken, dass die Stressreaktion zu schnell hochkommt, nehmen wir unsere Aufmerksamkeit von der Erinnerung und regulieren uns selbst. Das ist ein sehr kontrollierter Prozess, uns nah genug ran zu bewegen, um die Puzzleteile zusammen zu setzen und uns Pausen zu nehmen, um uns zu regulieren, damit wir nicht zu tief drin landen. Wenn wir unsere Regulationsfertigkeiten wirklich beherrschen, wird es im Verlauf richtig stressige Momente geben, aber wir verlieren nicht die Kontrolle und können selber unsere Kraft und Beherrschung der Situation spüren. Unsere Ts sind auch da, um mit dem Pacing zu helfen, aber am Ende weiß niemand besser und schneller, wenn uns was entgleitet, als wir es tun. Wir müssen nicht darauf warten, dass Ts etwas merken, um uns selbst zu fangen. Wir können ein sehr hohes Maß an Kontrolle über unseren eigenen Prozess haben, wenn wir unsere Trauma- und Regulationssachen richtig beherrschen und in der Stabilisierung keine Schritte überspringen.
Fertigkeit und Sicherheit
Wir verbringen eine geraume Zeit in unserer Therapie auf der Suche nach einem Gefühl von Sicherheit, von Erdung und Beruhigung. Wir investieren in diese Fertigkeiten, um den chronischen Stressreaktionen etwas entgegenzusetzen, um es möglich zu machen mal zu entspannen oder den Schlaf zu verbessern. Wir lernen auch andere Fertigkeiten als nur zu entspannen. Die machen es uns möglich, zu handeln und vorwärts zu gehen. Wir lernen mit unseren Symptomen sicher umzugehen, wenn sie schlimm werden, wie wir mit uns umgehen, wenn wir getriggert werden oder starke Stressreaktionen haben. Mit der Zeit können wir da sehr kompetent werden. Diese neuen Werkzeuge helfen uns, wirklich schwierige Situationen trotzdem gut zu meistern, ohne dass wir uns an einem sicheren Ort verstecken, wo gar nichts passiert. Wir lernen beides: uns in die Beruhigung zurück zu ziehen und aufrecht zu stehen und Chaos professionell zu managen. Trauma Prozessieren ist in sich nicht sicher. Unsere Kompetenz macht es sicher. Wir wissen genau, dass wir das managen können, weil wir alles eingeübt haben, was dafür nötig ist. Wenn wir uns beruhigen wollen, orientieren wir uns in Richtung Sicherheit. Wenn wir uns schwierigen Dingen stellen (Trauma Prozessieren ist nur ein mögliches Beispiel), orientieren wir uns in Richtung unserer Kompetenz. Wir können das. Und unser zweiter Fokus, wenn wir es mit richtig schweren Situationen zu tun haben, sind immer die Leute um uns herum, die uns unterstützen. Das bedeutet, wir orientieren uns auch in Richtung unserer Ts. Da liegt sie Sicherheit in einer schwierigen Situation wie Trauma Verarbeitung: Kompetenz und Wegbegleiter. Die sind der Grund, warum wir nicht halb verrückt vor Angst sein müssen.
Jenseits von Exposition
Um das Trauma zu verarbeiten, setzen wir alle Teile der Erinnerung zusammen und unterscheiden sie von Heute. Wir bekommen ein vollständigeres Bild von uns selbst. Aber das macht auch etwas mit unserem Bild von den TäterInnen und wie wir die Welt sehen und unseren Platz in dieser Welt. Das fühlt sich nicht immer wie eine Erleichterung an, weil die Realität viel komplexer ist. Vielleicht realisieren wir, dass wir wirklich hilflose Opfer waren. Dass Menschen uns hätten beschützen sollen und es nicht getan haben. Dass die Gesellschaft als Ganze versagt hat, einzugreifen. Und wir entwickeln vielleicht ein echtes Gefühl dafür, wie das alles unsere Entwicklung über die Jahre beeinflusst hat. Das sind immens schwere Erkenntnisse. Es verlangt integrative Kapazität von uns, das überhaupt zusammen in unserem Verstand zu halten und es nicht gleich wieder an Dissoziation und Amnesie zu verlieren. Da wird Trauer sein. Wir bauen diese starken inneren Verbindungen zwischen Anteilen, weil wir uns gegenseitig stützen müssen, wenn diese Erkenntnisse zu uns durchkommen. Das hat ein Gewicht, das erdrückend ist und wir müssen bereit sein, die Anteile aufzufangen, die es am meisten zu spüren kriegen. Unsere Ts werden genauso bereit sein, uns zu helfen und zu unterstützen und es ist auch so, dass nichts sich so nah anfühlt, wie wenn wir das innerlich füreinander machen können. Es ist Heilung darin, dicht zusammen zu bleiben, wo uns früher die Überforderung getrennt hat.
Trauma Integration
Nach so vielen Jahren ist das immer noch der Teil des Prozesses, der mir Angst macht. Nicht die Exposition oder sogar das Wiedererleben. Es ist das stille aber erdrückende Gewicht von Realisation und Personifikation, das nur erträglich wird, weil es auch mit Präsentifikation einher geht. Das alles ist passiert, es ist mir passiert, weil wir alle zusammen gehören und, dem Himmel sei dank, es ist vorbei. Das mit meinem ganzen Wesen zu begreifen, wird trotzdem ändern, wie ich mich in der Welt sehe. Es ist unmöglich vorherzusehen, wie es mich ändert. Ich hoffe immer, dass ich mich stärker fühle, machtvoller und sicherer damit, wer ich bin. Ich habe auch immer Angst, dass ich unter dem Gewicht der Erkenntnis zerbreche, was mir angetan wurde und was das Umfeld erlaubt hat. Trauma Integration bedeutet, für eine Weile die Zerbrochenheit zu spüren, die wir bisher dissoziiert hatten. Normalerweise legt sich das wieder und wir gehen da etwas desillusionierter und wesentlich geerdeter raus. Aber da gabelt sich der Weg immer. Wenn es schlecht läuft, bleiben wir in der Regel nicht zerstört und tot zurück, obwohl es in den ersten Tagen nach der Realisation ein erhöhtes Suizidrisiko geben kann. Läuft es schlecht, können wir uns gewöhnlich auf unsere Dissoziation verlassen, die die Erfahrung wieder ausradiert und in die Amnesie verschiebt, hinter dissoziative Barrieren. Ist es zu groß zum integrieren, wird es wieder dissoziiert. Das ist der stille Trost davon, hoch dissoziativ zu sein.
Die großen Veränderungen passieren nicht in der Therapiestunde selbst. Sie passieren im Integrationsprozess, der in den Tagen und Wochen nach der Sitzung stattfindet und das ist eine große Herausforderung, auf die man sich nur mäßig vorbereiten kann. Das fühlt sich jedes Mal anders an. Was ich direkt nach dem Prozessieren tue und in den Tagen danach, um die Integration zu unterstützen.
Auf die Integration von Erinnerungen folgt eng die strukturelle Integration. Manchmal passiert das spontan. Bei DIS gibt es oft einen längeren Weg von Integration und uns begegnen dabei neue Herausforderungen für unsere integrative Kapazität. Die Verarbeitung von Erinnerungen ist kein Ziel in sich selbst. Das entfernt nur die Blockaden, die uns daran hindern, näher zusammen zu finden. Unser Weg ist noch nicht am Ende. Aber wir haben den Teil mit der größten Angst geschafft, wenn wir die Phobie vor den traumatischen Erinnerungen überwunden haben, indem wir sie aufgelöst haben.
Eine Phobie vor dem Trauma Prozessieren
Manche Anteile haben gute Gründe, warum sie das Trauma Prozessieren vermeiden. Nicht, weil sie Angst vor Erinnerungen haben, sondern weil die Auswirkungen von einer Verarbeitung Angst machen. Diese Anteile leben vielleicht in einer inneren Welt von Wiedererleben mit wenig Wissen über die Außenwelt und offen gestanden oft auch überhaupt keinem Interesse an der Außenwelt. Die Erinnerung ist alles, was sie kennen und ihre ganze Welt. Sie in die Gegenwart zu ziehen und ihnen zu helfen, zu verstehen, dass das missbräuchlich war, ist nicht die Art von Erleichterung für sie, die es für uns ist. Wenn sie eng an TäterInnen gebunden sind, wollen sie das alles gar nicht wissen. Die Verarbeitung bedeutet für sie Verlust ihrer ganzen Welt. Ihr Bild von geliebten Personen muss sich verändern, wenn sie realisieren, dass diese uns auch unaussprechliche Dinge angetan haben. Die, die die Bindung zu diesen Personen halten, spüren zum ersten mal auch selbst den riesigen Bindungsbruch, den wir als Gesamtheit erlebt haben. Ihr Gefühl davon, in ihrer Kindheit zu leben, ist mit einem mal vorbei, wenn sie realisieren, dass wirklich alles vorbei ist. Was für ein Verlust. Sie haben vielleicht eine Phobie vor dem Trauma Prozessieren, die sich ganz anders anfühlt als die Phobie vor Erinnerungen, die wir kennen. Wir können Trauma nicht prozessieren, bis wir uns einig sind, das wir das sollten. Man kann das nicht gegen den Willen der Anteile tun, die Angst davor haben, was mit ihnen und ihrer Realität passieren wird. Es gibt sanftere Schritte, die wir gehen können, bevor wir uns zum Prozessieren entscheiden. Arbeit mit täter-gebundenen Anteilen
Viel von unserer Therapie arbeitet auf diese Momente hin, wo wir die Fragmente unserer Erinnerung verbinden und das Gesamtbild integrieren. Wenn wir bereit sind, wird da Respekt vor dem vor uns liegenden Projekt sein, aber auch ein Gefühl von Vertrauen in unsere Fähigkeiten und unsere Ts. Was nach der Sitzung passiert, kann mit freundlicher Sanftheit gehalten werden und mit der Bereitschaft zu trauern. Wir halten uns vielleicht selbst eine ganze Weile, bis wir eine Zustand für uns finden, wo es wieder ok ist. Bei DIS ist es besonders wichtig, uns an die Phasen von Behandlung zu halten und einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Wir können Erinnerungen nicht sicher verarbeiten, ohne neue Trauma Fertigkeiten und innere Verbindung zu haben. Selbst wenn wir sonst viel unserer Recovery alleine machen, arbeiten wir für die Verarbeitung von Erinnerungen immer mit Trauma Ts zusammen, weil sie ein Element von Sicherheit und Unterstützung bieten, um uns da gut durchzubringen. Zusammen können wir das.
